LABYRINTHIADE

Um das Labyrinth-Symbol windet sich ein Kranz vielschichtiger Motive



Motive und Symbol des Labyrinths haben seit 5000 Jahren die Menschen fasziniert - und tun dies in der verwirrenden heutigen Zeit offensichtlich noch mehr als in der Vergangenheit.

Der Labyrinth-Erbauer Daidalos und sein unglückseliger Sohn Ikaros, die Prinzessin Ariadne, der athenische Helde Theseus sowie das von ihm besiegte stierköpfige Ungeheuer Minotauros sind nur einige der Figuren und Motive, welche in diesem komplexesten Sagenkreis der griechischen und damit der westlich-abendländischen Kultur zusammenspielen.


(Den "Absturz des Ikaros" malte Alfred Hertrich 2000)

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[2009-07-09 ok / ur 2001-11-26]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Vorab:
Ich verwende die griechische Schreibweise mit der Endsilbe "-os" - also Daidalos statt wie bei uns üblich "Dädalus". Das hat sich in der Fachpresse ebenso eingebürgert wie bei der wikipedia und ist schon mindestens seit 1973 Usus im Lexikon der antiken Mythen und Gestalten von Grant und Hazel.
Also schreibe ich: Minotauros (nicht: Minotaurus) - Ikaros (nicht: Ikarus).
Außerdem Phädra (nicht: Phaedra) - Aigeos (nicht: Ägäus, Ägeus oder Aigeus* = Vater von Theseus, nach dem das Ägäische Meer benannt ist).
* Grant und Hazel schreiben zwar "Aigeus" - aber das widerspricht dem Schema "-os" für die Endsilbe - deshalb ziehe ich "Aigeos" vor.



Aktualisiertes und ständig ergänztes Material finden Sie in meinem LABYRINTH-Blog. Seit Dezember 2007 führe ich diesen für die Zeitschrift epoc (bis Ende 2007: Abenteuer Archäologie) weiter. Diese neue Ausgabe meines Blog erreichen Sie über Labyrinth-Blog von epoc


Inhalt dieses Kapitels

0 Vorbemerkung über menschliche Grundprobleme
1 Die neun großen Figuren der Labyrinthiade Hier klicken
1.1 Perdix (der aus Eifersucht und Neid früh ermordet wird);
1.2 Naukrate (die sklavisch bescheiden im Schatten bleibt);
1.3 Minos (der mächtige und rücksichtslose Herrscher)
1.4 Theseus (der kühne Held, der seine Fähigkeiten zielstrebig verwirklicht);
1.5 Minotauros (das schreckliche Ungeheuer - und zugleich Schatten des Helden)
1.6 Ariadne (die Prinzessin, die aus dem Schatten tritt und zur Göttin wird)
1.7 Daidalos (der geniale Erfinder und rücksichtslose mad scientist)
1.8 Pasiphaë (die von einem Gott verrückt gemacht wird)
1.9 Ikaros (der Höhenflieger, der tragisch abstürzt - oder gerettet wird?)

2 Als Labyrinthiade bezeichne ich den komplexen Sagenkreis... Hier klicken
2.1 Fünf Kreise von Figuren
2.2 Die siebengliedrige Labyrinth-Erzählung
2.3 Kein Wort bezeichnet einen Zustand der Unsicherheit... besser...
2.4 Auf vielfältige Weise gibt es Querverbindungen innerhalb der griechischen Sagenwelt
2.5 Der Sagenkreis um das Labyrinth beginnt, als Zeus die Prinzessin Europa entführt

3 Der Rote Faden


Abb. 1: Kretisches Labyrinth mit einem
einzigen Gang - hier kann man sich nicht
verirren
Abb. 2: Der Rote Faden als Weg durchs
Labyrinth (vergl. Abb. 1): das Geschenk
der Ariadne an Theseus


Abb. 3: Im Irrgarten (Yrrinthos) kann man
sich leicht auf verwirrenden Kreuzungen,
in Sackgassen und an falschen Ausgängen
verirren


Vorab möchte ich ein zentrales Missverständnis ausräumen, das mit dem Begriff Labyrinth offenbar unlöslich verbunden ist (aber dadurch auch sehr gut zur Thematik passt, bei der es ja um Verwirrung und den Weg aus der Verwirrung heraus geht):

° Ein Labyrinth im ursprünglichen Sinn, wie es auf den ältesten Darstellungen überliefert ist (s. Abb. 1) und der minoischen Kultur auf Kreta zugeordnet wird, wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein komplexes geometrisches Gebilde - ist aber so konstruiert, dass man sich darin überhaupt nicht verlaufen kann, weil es sich nur um einen einzigen, klar definierten Gang handelt (wie man sich leicht überzeugen kann, wenn man mit einem Stift dem Weg folgt); daher auch die Bezeichnung "klassisches kretisches eingängiges Labyrinth" (von griechisch: labyrinthos).

° Um etwas ganz anderes handelt es sich sich bei der Labyrinth-Sage vom Kampf des athenischen Prinzen Theseus mit dem Minotauros, bei dem suggeriert wird, dass diese mörderische Auseinandersetzung in einem verwirrenden (unterirdischen) Gangsystem eines riesigen Gefängnisses für das Ungeheuer stattfindet, aus dem der siegreiche Held nur mit Hilfe des roten Fadens der Prinzessin Ariadne (s. Abb. 2) wieder ins Freie findet.

° Dieses Labyrinth sollte man besser als Irrgarten bezeichnen oder, wie ich es vorschlage, mit dem Kunstwort Yrrinthos (Abb. 3) - weil es eben gerade kein Garten ist und man sich darin schrecklich verlaufen kann.



Vorbemerkung über menschliche Grundprobleme


Es gibt eine begrenzte Zahl menschlicher Grundprobleme, die stets auch Konflikte sind. Ich behaupte, dass sie in der Labyrinthiade alle enthalten sind. Sie sind heute so zeitlos frisch wie damals im Altertum, als sie entstanden. Das ist der Grund, weshalb heute noch Opern um das Schicksal von Ariadne oder Medea aufgeführt und Raumschiffe Dedalus oder Ikarus genannt werden, in Filmen zumindest. Und weshalb der Minotauros in Filmen und Romanen zu Beginn des Dritten Jahrtausends noch immer als der Bösewicht auftritt (zuletzt 2007 im Oscar-prämierten Melodram Pans Labyrinth).
In meinem Labyrinth-Blog zeige ich das auf vielfältige Weise.

Zwei Beispiele:

Geschwisterrivalität
Die Geschwister in der Labyrinth-Geschichte sind die Kinder von König Minos und seiner Gattin Pasiphaë: Ariadne, Phädra und Minotauros (wobei letzterer nicht vom König gezeugt wurde, sondern von - so ist es nun mal in dieser Sage - einem Stier).
Wie sieht diese Rivalität aus?
1. Ariadne verrät ihren Stiefbruder Minotauros, der von Theseus, ihrem Geliebten, getötet wird.
2. Nachdem er Ariadne auf einer Insel verlassen / vergessen / verstoßen / dem Gott Dionysos mit den älteren Rechten überlassen hat (das sind die vier Varianten), nimmt Theseus Ariadnes Schwester Phädra zur Königin. Vernunftehe statt Liebesheirat? Jedenfalls triumphiert Phädra, auf die eine oder andere Art, über ihre Schwester.

Vater-Sohn-Konflikt
Theseus hat erst große Mühe, am Hofe seines Vaters in Athen als legitimer Erbe aufgenommen zu werden. Als er siegreich von dem Labyrinth-Abenteuer auf Kreta zurückkehrt nach Athen, vergisst er, das Segel mit der für den guten Ausgang vereinbarten roten Signalfarbe setzen zu lassen. Wie praktisch, bei aller Trauer: der greise Vater stürzt sich vor Gram über den vermeintlichen Tod des Sohnes von einer Klippe ins Meer und macht so umgehend den Thron frei für Theseus als legitimen Nachfolger.
Ist es übertrieben, wenn man dies - psychoanalytisch gesprochen und aus unserer Gegenwart in die Vergangenheit der Antike projiziert - als Ausdruck eines unbewussten ödipalen Vatermordes interpretiert?
Ein zweiter Vater-Sohn-Konflikt ist fraglos der zwischen König Minos und seinem unglückseligen Stiefsohn Minotauros.
Ein dritter Konflikt ist jener zwischen Daidalos und Ikaros - den, wie Minotauros, der Jüngere mit dem Tod bezahlt. (Seinen Neffen Perdix ermordet Daidalos sogar, wie es heißt - eine sehr ähnliche Geschichte.)




Alles fängt an mit der Entführung der asiatischen Prinzessin Europa durch den Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers. Dies hat man 2001 zum Gedenken an diesen Ursprung der abendländischen Kultur auf der griechischen Zwei-€uro-Münze verewigt.



Abb. 4: Zeus entführt Prinzessin Europa nach Kreta (griechische Zwei-€uro-Münze)


Aber ich will nun die Labyrinthiade der Reihe nach erzählen, so wie ich ihre wichtigsten Figuren in meinem Buch "DAS DRAMA DER HOCHBEGABTEN" in den einzelnen Kapiteln vorgestellt habe.



1 Die neun großen Figuren der Labyrinthiade


1.1 Perdix...


... ist ein geschickter und begabter junger Mann in Athen. Er geht bei seinem Onkel Daidalos in die Lehre, dem berühmtesten Künstler, Handwerker, Architekten und Erfinder seiner Zeit in der griechischen Welt. Doch dieses Genie hat neben der hellen Seite, die seinen Ruhm begründet, noch einen anderen finsteren Charakterzug, und dieser kostet Perdix das Leben. Es stellt sich nämlich heraus, dass Perdix noch begabter und erfindungsreicher ist als sein berühmter Onkel und diesen bald an Kreativität, Geschick und Erfolg übertreffen wird.

Langsam wachsen in Daidalos der Neid und die Eifersucht. Niemand hat je erfahren, was die schreckliche Tat auslöste: Vielleicht ein zu kühnes Wort des Perdix im Gespräch, eine unbewusste Geste, die den Meister narzisstisch kränkte -
Jedenfalls stößt Daidalos bei einem gemeinsamen Spaziergang auf den Klippen über dem Meer nahe Athen in einem Anfall rasenden Zorns den jungen Mann vom Rand des Wegs in den Abgrund.

Die Legende berichtet, dass Athene, Schutzgöttin der Stadt und dem Jüngling zugeneigt, dessen tödlichen Sturz aufhielt und abmilderte, indem sie den jungen Mann in ein Rebhuhn (gr. Perdix) verwandelte.

Daidalos wurde angezeigt und musste sich vor Gericht verantworten. Man wollte diesen genialen Künstler und ersten Ingenieur nicht mit dem Tod bestrafen (wie es damals üblich und angemessen war) - hatte er seiner Heimatstadt doch so wertvolle Erfindungen wie das Segel, die Säge und die Axt geschenkt. Aber in der Stadt konnte man den Freveltäter auch nicht behalten, und so schickten die Athener ihren berühmten Sohn, der zum Mörder geworden war, in die Verbannung.

Andere berichten, dass man ihn zum Tode verurteilte, Daidalos aber all seine Intelligenz und seinen Erfindungsreichtum einsetzte und ihm so die Flucht gelang. Er rettet sich auf ein Schiff, das ihn zur Insel Kreta trug. Dort bat er König Minos (s.u.) um Asyl, was dieser ihm gerne gewährte (nicht ahnend, dass er damit zugleich sein eigenes Todesurteil sprach).



1.2 Naukrate...


... ist eine Sklavin, die König Minos seinem Erfindergenie Daidalos als Gespielin überlässt. Mit ihr zeugt das athenische Genie den Sohn Ikaros. Als Daidalos später mit dem Sohn aus dem Labyrinth flieht, lässt er Naukrate zurück.

Über diese Sklavin wissen wir nichts außer diesen einen Halbsatz: dass sie die Mutter des Ikaros war. Aber wir dürfen vermuten, dass der König einem so berühmten und für Kreta so wichtigen Mann wie Daidalos kaum irgendeine einfältige Magd als Haushaltshilfe und Lebensgefährtin zugewiesen hat. Vielleicht war sie eine der Prinzessinnen, die Minos von seinen Raubzügen in die umliegenden Länder mitgebracht hat, zum Beispiel aus Athen - oder die ihm von den Fürsten dieser Länder als Geschenk für den Harem überlassen wurden?



1.3 Minos...


Der mächtige kretische König Minos liess der Sage nach das Labyrinth durch seinen Erfinder-Experten Daidalos bauen, um dort den Minotauros zu verstecken, die Schande seines Ehelebens.
Tiefenpsychologisch betrachtet ist dort etwas ganz anderes verborgen: so etwas wie die eigene dunkle Seite des Königs, sein Schatten.
Das kretische Labyrinth bekommt aber, vor dem Hintergrund der modernen Testpsychologie, noch einen weiteren Sinn: Es dient dem Minos auch dazu, seinen Rivalen Theseus zu testen. Wie dieser Test ausging, wissen wir: Der athenische Rivale bestand diese Prüfung - und das minoische Reich ging unter.
Eine noch weitere Querverbindung zur Testpsychologie: Der Labyrinth-Test (eigentlich ein Irrgarten-Test) ist seit 1899, als William S. Small ihn einführte, einer der ältesten und noch heute verwendeten Intelligenz-Tests geworden!




1.4 Theseus...


ist der Sohn des Königs von Athen (nach anderer Lesart wurde er sogar vom Meeresgott Poseidon gezeugt). Eine ganze Reihe von Jahren verbringt der Prinz damit, seine überragenden körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte zu trainieren. Wie er nach und nach seine Heimat von schrecklichen Ungeheuern wie dem Prokrustes befreit, das ist nichts anderes als seine Expertise (wie man das in der Hochbegabtenforschung nennt), also sein Training für den künftigen Beruf als König. Ob er allerdings, wie sein Vater Aigeos oder der König Minos, auch ein guter Herrscher (also Menschen-Vernetzer) sein wird, muss er erst noch beweisen. Dazu dient die HELDENREISE (s. auch Kapitel 8 meines Buches "Das Drama..."), welche ihn nach Kreta und ins Labyrinth führt. Dort besteht er seine größte Prüfung: im Kampf mit dem Minotauros. Er rettet seine Leidensgenossen und wird schliesslich tatsächlich König von Athen, das er viele Jahre weise regiert.

Dies ist die mythologische Ebene der Theseus-Sage. Es gibt eine andere Ebene, die für uns moderne Menschen noch weit interessanter ist: die tiefenpsychologische. Demnach wäre das böse Ungeheuer Minotauros, analog zu König Minos, nichts anders als ein Teil von Theseus´ eigener Persönlichkeit: sein Schatten (wie Carl Gustav Jung das genannt hat).

Ein Beispiel für die Aktualität des griechischen Helden:
"Der Theseus Verlag ist - im Vergleich zu den spirituellen Traditionen seiner programmatischen Ausrichtung - ein sehr junger Verlag. Er besteht seit nunmehr 27 Jahren. Dennoch begreift er sich als durchaus traditionsreich in seinem Anliegen und seinem Anspruch, seit seiner Gründung wichtige Bücher aus allen großen buddhistischen Traditionen (Zen, Tibetischer Buddhismus, Theravada) und angrenzenden Richtungen herauszubringen.
Der Name Theseus ist bewusst gewählt. Wie die Figur der griechischen Mythologie steht er für die Bedeutung und Kraft individueller Selbstverantwortung – ein zentrales Thema des Verlagsprogramms. Es umfasst bedeutende Klassiker der Zen-Tradition und des Tibetischen Buddhismus, unterschiedliche Einführungen in den Buddhismus, praktische Anleitungen zur Meditation, eine Vielzahl von Büchern zeitgenössischer Lehrender, spirituelle Ratgeber sowie eine Geschenkbuch-Edition.
Wir verstehen Buddhismus und östliche Spiritualität nicht als ”heile Welt” und ”Trauminsel”, sondern als Orientierung und Hilfe in nicht einfachen Zeiten. Unser Programm bietet dabei auch kritische Auseinandersetzungen mit verkrusteten hierarchischen Strukturen, die bedenkliche historische Entwicklungen des Buddhismus einschließt. Der Verlag hat in den letzten Jahren eine Reihe von Büchern herausgebracht, die heiß diskutiert wurden und wichtige Denkanstöße gegeben haben. Für uns sind sie Ausdruck eines durchaus respektvollen, aber lebendig kritischen Umgangs mit Traditionen. Auch dafür steht der Name Theseus.
Der Theseus Verlag gehört zur Verlagsgruppe Dornier GmbH. "

(Aus der Website des Verlags)


Von der Figur des Theseus gibt es eine interessante Querverbindung zu einem anderen zentralen Mythos der abendländischen Geschichte. Im Flyer zur Ausstellung "Mythos Troja" in der Münchner Glyptothek (19. Juli 2006 - Ende 2007) hieß es:
"Das [Troja] ist die größte und motivreichste Erzählung, die die antike Welt hervorgebracht hat."
Ich denke, darüber lässt sich trefflich streiten. Für mich ist die Labyrinthiade weit komplexer und motivreicher - und die beiden Sagenkreise sind sogar an einer Stelle eng miteinander verwoben:
Schon die zehnjährige Helena ist so schön, dass Theseus sie entführt. Helenas Brüder, die Dioskuren, befreien sie wieder und nehmen aus Rache Theseus´ Mutter Aithras als Sklavin für Helena mit sich.
Später befreien dann Akamas und Dunophon, die Söhne des Theseus (und der Phädra - s.u.), ihre Großmutter Aithras wieder aus dieser Versklavung durch Helena und führen sie nach Griechenland heim.
Diese Verknüpfung bedeutet jedoch: Wenn man die Labyrinthiade als Schwerpunkt nimmt, wird sogar die Troja-Geschichte zu einem Teil der Labyrinthiade, und diese ist bereits sehr komplex.



1.5 Minotauros...


... könnte man als die zweite zentrale Figur der Sage nach Theseus (s.o.) bezeichnen. Er ist der Widersacher, der tödlich gefährliche Gegner, ohne den der Held sein Heldentum gar nicht entfalten könnte.

Wir dürfen vermuten, dass die kulturelle Entwicklung der nach-minoischen Zeit (als die Vormachtstellung der Insel Kreta im nordöstllichen Mittelmeer durch das festländische Griechenland übernommen wurde) mit dem Untergang und entsprechend der nachträglichen Verteufelung der auf Kreta herrschenden Religion verbunden war. Dies war - wie im Ägypten jener Zeit und in anderen Ländern - der Stierkult, wie er einer Ackerbauer-Viehzüchter-Kultur entsprach.

Der Minotauros war also vermutlich nichts anderes als ein mit Stiermaske verkleideter Oberpriester des herrschenden religiösen Stier-Kults. Nach dem Untergang der minoischen Kultur wird er zum Bösewicht, der heimtückisch die athenischen Geiseln mordet.
Es gibt eine Analogie zu so einer solchen nachträglichen Demonisierung einer vorher positiven Figur: Wie noch im Märchen von "Hänsel und Gretel" zu besichtigen, machte das Christentum, das keinerlei heidnische Konkurrenz duldete, aus den weisen Frauen, zu denen man die Kinder als Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt in den Wald schickte, die Hexen


Im Kern des Labyrinths lauert also eine sehr zwielichtige Gestalt: zugleich mörderisches Ungeheuer höchster geistiger Vertreter einer alten Religion und Kultur.

In anderen Mythen und Märchen und speziell in der HELDENREISE ist das Ungeheuer zugleich der Hüter des Schatzes; dies kann ein materiell wertvoller Goldschatz sein - aber auch eine geister Schatz des geheimen Wissens.

Warum fehlt in der Labyrinthiade der Hinweis auf diesen Schatz?

Wir wissen es nicht. Aber vielleicht ist genau dies die Botschaft des Mythos vom Labyrinth: Weil der Held Theseus den Minotauros nur tötet (und sich nicht mit ihm in einer Versöhnung der Gegensätze verbindet bzw. ihn integriert in die eigene Persönlichkeit), weil er also den Schatz nicht hebt, läuft am Ende alles schief:

Theseus befreit zwar seine athenischen Leidensgefährten -
° aber seine geliebte Ariadne vergisst er auf der Insel Naxos,
° sein eigener Vater Aigeos stürzt sich vor Gram über den vermeintlich getöteten Sohn ins Meer (weil Theseus vergisst, wie vereinbart ein weißes Segel zu setzen),
° am Ende seiner eigenen Regentschaft wird Theseus vom unzufriedenen Volk in die Verbannung geschickt;
° und schliesslich veranlasst ihn seine eifersüchtige Gattin Phädra, den eigenen Sohn Hippolytos (den er zuvor mit der Amazonenkönigin Hypolite zeugte) trotz dessen Unschuld wegen eines angeblichen Verbrechens töten zu lassen.

Da wäre ein "gehobener Schatz an Weisheit" sicher eine mindestens so große Hilfe für Theseus gewesen als der Rote Faden der Ariadne, der ihm den Weg durch das Labyrinth gezeigt hat.



1.6 Ariadne...


... ist eine der interessantesten und zugleich geheimnisvollsten Gestalten der griechischen Mythologie. Um 1500 v.Chr. muss "in jener sagenhaften minoisch-kretischen Welt, die ihr Zentrum in Kreta hatte [...] der Ursprung des Dionysos-Kults gesucht werden". (Colli 1991, S. 23)

Ariadne ist diesem archaischen Gott schon versprochen gewesen (als seine Hohepriesterin?), bevor sie den athenischen Helden kennenlernte und seine Geliebte wurde. War es also doch nicht nur Egoismus oder schiere Ungeschicklichkeit, sondern vielleicht ein - wenn auch später - Respekt vor diesem Gott, wenn Theseus sie auf Naxos zurückliess?

Sie rettete jedenfalls zunächst Theseus das Leben, indem sie ihm (heimlich, und wohl gegen den Willen ihres Vaters, König Minos) den geheimnisvollen roten Faden und ein Schwert verschaffte, die beiden von Daidalos erfundenen Werkzeuge, welche ihn den Minotauros und das Labyrinth bezwingen liessen.
Aber auf das Schwert kommt es wahrscheinlich weniger an. Wichtiger ist es, in der Verwirrung und Finsternis den richtigen Weg zu finden oder, übertragen auf die Situation jedes suchenden Helden, verborgene Talente zu verwirklichen und den Schatz zu heben. Das geht nicht ohne Werkzeuge und ohne Helfer.
Auf der mythologischen Ebene ist der Ariadnefaden so ein Werkzeug, eine hilfreiche Gabe, wie sie in vielen Märchen vorkommt. Im übertragenen Sinn ist es wohl die Planskizze, die den Weg durch das Labyrinth weist. Und Ariadne ist eine der Heldenfiguren, ohne die man in der Dunkelheit und im Unbewussten stecken bleiben würde.

In tiefenpsychologischer Hinsicht stehen Ariadne und ihr roter (!) Faden symbolisch für die Liebesbeziehung. Ich denke, dass es ihre Liebe zu Theseus war, die ihm half, nicht zuletzt den Minotauros im eigenen Inneren, nämlich den Ungeheuer tötenden Helden, zu transformieren und dadurch ein wirklicher Held zu werden: Ein Prinz, der die königlichen Anlagen aus sich herausholt und den Totschläger zurücklässt im Dunkel des kretischen Verlieses.
Ariadne ist, als dem Dionysos geweihte Prinzessin, ohne Zweifel eine Hochbegabte. Sie repräsentiert einen ganz eigenen Typ: die Frau im Schatten, die zunächst einmal von ihrem Geliebten und Helden schmählich im Stich gelassen wird. Mehr als 40 Opern befassen sich mit diesem tragischen Schicksal der Frau, die schwanger auf der Insel Naxos zurückbleibt.
Die Griechen der Antike haben ihren wahren Wert dann doch noch aus diesem Schatten herausgeholt: Sie haben sie zur Gefährtin des Dionysos gemacht, jenes Gottes, der die Leidenschaften verkörperte und der Gegenspieler des vernünftigen Apoll war (ein Gegensatz, dem Friedrich Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie nachgegangen ist).
Sie haben sie schliesslich mit dem geehrt, was Theseus verwehrt blieb (den die Athener am Ende ja wieder aus dem Amt des Königs jagten) und was nur wenigen Sterblichen zuteil wurde: Wer am winterlichen Sternenhimmel den Blick vom Schwanz des Großen Bären über das Sternbild Bootes noch ein wenig weiter westlich wandern lässt, findet dort eine unscheinbare Konstellation mit Namen Krone, auch Diadem oder Krone genannt. Dies ist die Krone der Ariadne. Sie steht symbolisch für ihren Platz, den sie am Firmament eingenommen hat.
Keine schlechte Auszeichnung für eine kretische Prinzessin (die allerdings, dies sollte nicht vergessen werden, als Enkelin des Göttervaters Zeus und der Europa ohnehin einen ganz speziellen Platz in der Welt einnimmt).
Es gibt also eine Reihe von Gründen, weshalb Giorgio Colli die Ariadne in seiner Geburt der Philosophie mit dem Beinamen "Herrin des Labyrinths" ehrt und sie sogar Göttin nennt. Eine gute Statthalterin auch für den Sinn des Lebens, meine ich.
Und wir verstehen jetzt auch besser, warum die Manager und Ingenieure der Europäischen Raumfahrt-Agentur (ESA) ihre wichtigste Rakete Ariane nennen und einen zentralen Teil ihrer Unternehmungen ArianEspace (französisch sinngemäß "Aria(d)ne im Weltraum").




1.7 Daidalos...


Der Name des großen Erfinders Daidalos (auch geschrieben: Dädalos, Dædalos, Dedalus) bedeutet "der Einfallsreiche". Sein Vater war Eupalamos ("der Geschickte") oder Metion ("der Gebildete"). Der weise Sokrates behauptete nicht grundlos, von Daidalos abzustammen.

Dieser legendäre Mensch mag, wie Minos und die anderen Figuren der Labyrinthiade - nur eine Fiktion gewesen sein. Aber er erfüllt eine wichtige Rolle. Er verkörpert den auffälligsten Typ des Hochbegabten oder sogar Höchstbegabten: das Genie. Als solches war er nicht nur in der Antike Vorbild für viele Menschen, sondern ist es noch heute. Deshalb hat ihn die American Academy of Arts and Sciences zum Namenspatron ihres wichtigsten publizistischen Organs erkoren. Dieses Dædalos Journal ist eine der renommiertesten wissenschaftlichen Publikationen unseres Planeten.

Gerade die Ingenieure und Erfinder haben ihn zu ihrem Mentor erkoren, wie nach ihm benannte Preise und Schriften bekunden. Dazu passt, dass Daidalos die Erschaffung wichtiger Werkzeuge zugeschrieben wird: Axt, Säge, Bohrer, Leim, Senkblei, Mast und Segel. Und wenn man heute ein modernes Fluggerät mit einem passenden Namen belegen möchte - nennt man es gerne Ikarus (s.u.) oder eben Dedalus (wie in dem Film Space Cowboys von und mit Clint Eastwood).

Mehr zu Daidalos hier: DAIDALOS



1.8 Pasiphaë...


... ist die Gattin des Minos, die der Sage nach mit einem Stier den Minotauros gezeugt hat. Sie ist eine Tochter des Sonnengottes Helios, dessen tödliche Strahlen später dem Ikaros (s.u.) zum Verhängnis werden.

Man versteht die ganze Labyrinth-Sage besser, wenn man sich vorstellt, dass Pasiphaë wahrscheinlich die Hohepriesterin des damals auf Kreta herrschenden Stierkults war und die Geschichte mit dem Minotauros ihr im Nachhinein von den Athenern angehängt wurde, nachdem diese die politische Vormachtstellung Kretas und damit auch die seiner Religion gebrochen hatten. (s. auch oben Minotauros).

Ihre Vermählung mit dem Stier des Poseidon dürfte rein symbolischer Natur gewesen sein - eben ein religiöser Kult, in dessen Rahmen auch der stierköpfige Mann Minotauros wohl nichts anderes war als ein Priester mit Stiermaske - vielleicht sogar der König selbst, der vermutlich auch die Rolle des höchsten Priesteramtes innehatte. (Für letzteres spricht schon der Name Minotauros, der ja von dem des Königs abgeleitet ist und nichts anderes bedeutet als "Stier des Minos")


1.9 Ikaros


Wir haben bisher schon eine Reihe Figuren aus der Labyrinth-Sage kennen gelernt (welche zugleich Grundtypen von Hochbegabten im Sinne meines Buches "DAS DRAMA DER HOCHBEGABTEN" repräsentieren):
° Perdix (der zu früh stirbt);
° Naukrate (die sklavisch bescheiden im Schatten bleibt);
° Minos (der erfolgreiche, mächtige Herrscher);
° Theseus (der kühne Held, der seine Fähigkeiten zielstrebig verwirklicht);
° Minotauros (das schreckliche Ungeheuer und Sinnbild des entarteten Soziopathen);
° Ariadne (die Prinzessin, die aus dem Schatten tritt, ihr Leben in die Hand nimmt und zur Göttin wird);
° Daidalos (der geniale Erfinder und rücksichtslose mad scientist);
° Pasiphaë (die in den Schatten zurücksinkende Königin - Opfer ihres Gatten und seiner imperialen Hybris).
° Ikaros, den Letzten im Reigen dieser archetypischen Gestalten, möchte ich zum Abschluss noch als neunte mögliche Variante eines Hochbegabten vorstellen. Er ist jener Typ, der am problematischsten erscheint: der Underachiever.

Die Szene des schwebenden Ikaros, der abstürzt, weil er der Sonne zu nahe kommt - sie hat im Bilder- und Mythenschatz der westlichen Zivilisation einen festen und sehr prominenten Platz, ist im kollektiven Gedächtnis wie im persönlichen Bewusstsein jedes einigermaßen gebildeten Menschen fest verankert. Es gibt allerdings eine Variante dieser Geschichte (s. Grant und Hazel 1976, S. 107), die kaum bekannt ist:

"Nach einer anderen Überlieferung befreite Pasiphaë Daidalos aus dem Labyrinth. Daidalos baute ein Schiff und erfand das Segel, um es voranzutreiben. Dann stieg er mit Ikaros an Bord, floh von der Insel [Kreta] und suchte Zuflucht in Sizilien am Hofe des sikanischen Königs Kokalos von Kamikos."

Offenbar haben die Menschen, welche sich diese Geschichte ausgedacht und Generation um Generation weitererzählt haben, den jungen Mann in ihr Herz geschlossen, weil er ein Schicksal hat, das jedem Kind droht: sich zu hoch hinauszuwagen und dadurch zugrunde zu gehen. Oder auch: von einem klugen und kühnen, aber wenig einfühlsamen Vater auf ein Abenteuer mitgenommen zu werden, dem es noch nicht gewachsen ist.

Eine dritte Variante, die mir noch besser gefiele, wäre die, dass der leichtsinnige Knabe zwar ins Meer stürzt, aber gerettet wird - vielleicht von Pasiphaë, die ihr eigenes Versagen erkennt und bereut? Sei dem, wie dem sei: Es gibt diese andere Variante mit dem Happyend.

Wie seinen Vater Daidalos (s.o.) wählt man Ikaros gerne zum Namengeber für futuristische Fluggeräte. In Danny Boyles Science-Fiction-Film Sunshine ist es ein Raumschiff, Ikarus II, das zur Sonne fliegt - und dabei samt seiner Mannschaft vernichtet wird.


Geben wir Ikaros seine Chance, die Gefahren des Höhenflugs zu überleben. Denn dies wird uns selbst gut tun. Dieser Junge ist nämlich, tiefenpsychologisch gesehen, so etwas wie das Innere Kind in uns: das Kind, das wir selbst einmal gewesen sind und das uns beim Erwachsenwerden irgendwann, irgendwo, irgendwie verloren ging. Dieses Kind, das unsere Träume und nicht gelebten Möglichkeiten darstellt und so manches Talent, das zu realisieren uns verwehrt blieb.
Es verkörpert zugleich jenen Persönlichkeitsteil in jedem Menschen, der schon einmal erlebt hat, dass er/sie fliegen kann, also etwas ganz Besonderes vermag - und dass diese Fähigkeit wieder verlorenging. Weil keine Zeit zum Üben war oder andere Umstände die Realisierung des Talents verhinderten. Das kann Klavierspielen gewesen sein oder das Malen von Aquarellen, Tanzen oder Bildhauern, Schnitzen oder Messerwerfen ...

Wenn dieser überlebende Ikaros (oder diese Ikara, wie man die weibliche Variante nennen könnte) lernt, solche Fähigkeiten zu üben und nach einer HELDENREISE die Meisterschaft in der Domän zu erringen, wird er mindestens so gut wie sein Vater Daidalos fliegen.

Für Hochbegabte gilt außerdem, dass es offenbar zu ihrer Natur gehört, sich zu überschätzen - sich höhere Ziele zu stecken, als sie zunächst erreichbar sind. Deshalb ist es für Eltern besonders schwer, es richtig zu machen in der Erziehung - nein: ihr hochbegabtes Kind auf dem Weg zur Meisterschaft zu begleiten.
Ungefähr 1990 muss es gewesen sein, dass ich im Wartezimmer meines Zahnarztes in einer Ausgabe von Reader's Digest blätterte und dieses Zitat von einem Niederländer namens H. Moonen notierte:

"Baue deine Luftschlösser nicht zu hoch - es sei denn, du willst ein Leben lang klettern."

Ein interessantes Zitat. Ich vermute jedoch, dieser Warnung zum Trotz, dass es Hochbegabte genau dazu drängt: "ein Leben lang klettern". Das heißt, dass sie stets Zielen (Visionen) nachstreben, die größer sind als ihre aktuellen Möglichkeiten. Das hat, vermute ich, damit zu tun, dass die Fähigkeit zum kreativen Vernetzenden Denken engstens verbunden ist mit einem offeneren System der Informationsverarbeitung, als dies bei Normalbegabten der Fall ist. Die Konsequenz: Hochbegabte können gar nicht anders, als Überflieger zu sein, sich fortzubilden, immer weiter zudenken, zu tüfteln, zu spintisieren, zu kreïeren - immer höhere Luftschlösser zu bauen. Nur im Erfolg zeigt sich, ob sie auch lernen, nach ihren Höhenflügen immer wieder sicher auf der Erde zu landen - oder ob sie zu neurotisch bleiben, also ihre Ziele auf Dauer zu hoch setzen - und deshalb immer wieder abstürzen.




2 Als Labyrinthiade bezeichne ich den komplexen Sagenkreis...


... der sich wie ein mythologischer Kranz um das bildhafte Motiv des Labyrinths windet.

° Er ist zum einen mit weiteren griechischen Sagen verbunden (s.u.),

° zum anderen mit unserer heutigen Zeit.



2.1 Fünf Kreise von Figuren


Betrachtet man die Fülle der Sagengestalten der Labyrinthiade, so kann man deutlich fünf verschiedene Gruppen von Figuren unterscheiden:

2.1.2 Den Ersten (Innersten) Kreis bildet die klassische HELDENREISE des athenischen Prinzen Theseus, der im Labyrinth mit dem Minotauros kämpft, wobei ihn die Prinzessin Ariadne unterstützt.

2.1.2 Im Zweiten Kreis finden wir Daidalos, den Erbauer und bald auch Gefangenen des Labyrinths, der mit seinem Sohn Ikaros (gezeugt mit der Sklavin Naukrate) dank der Hilfe künstlicher Flügel aus dem Labyrinth flieht. Je nach Variante stürzt Ikaros ab und ertrinkt - oder wird gerettet. (Die erste, tragische Variante ist eindeutig die beliebtere.)
In diesen Zweiten Kreis gehören aber auch König Minos, als Auftraggeber für den Bau des Labyrinths, und seine Gattin Pasiphaë sowie Minotauros, das stierhäuptige Monstrum, für den das Labyrinth als Aufenthaltsort bzw. Gefängnis von Daidalos erbaut wird.

2.1.3 Den Dritten Kreis bevölkern Figuren, die in der kretischen Phase der Labyrinth-Erzählung direkt nicht auftauchen, aber wichtig für den Fortgang der ganzen Geschichte sind:
Theseus´ Vater Aigeos, König von Athen, der sich vor Gram in den Tod stürzt, als der heimkehrende Sohn das Segel mit der falschen Farbe setzt (schwarz für Tod - was dem Sohn praktischerweise den Thron freimacht). Dann Medea, die Stiefmutter des Theseus, die ihm mit Gift nach dem Leben trachtet, sowie Phädra, Schwester der Ariadne, die Theseus später heiratet.
In diesem Kreis sollte man auch Perdix ansiedeln. Hätte Daidalos diesen Neffen und Lehrling nicht aus Eifersucht auf dessen überragende Talente ermordet, wäre er nicht aus Athen verbannt worden und in der Folge davon an den Hof des kretischen Königs Minos geraten.

2.1.4 In einem nochmals weiter vom Kern entfernten Vierten Kreis finden wir schließlich Figuren, die nur noch sehr indirekt mit dem eigentlichen Geschehen verbunden sind: Zeus und Europa, Odysseus, Ödipus, Antigone, Jason (von den Argonauten), Helios, Dionysos (dem Ariadne als Priesterin versprochen war), die Geliebten des Theseus vor Ariadne (die Schöne Helena und die Amazone Antiope).
Über Theseus gibt es sogar eine - wenn auch rein gedankliche - Brücke zu Platons Mythos von Atlantis.

2.1.5 Einen fünften Kreis finden wir schließlich in der Gegenwart:
° Ariane als beliebter Vorname (s. den Film Good Bye, Lenin!);
° Ariane als Heldin von mehr als vierzig Opern, deren wichtigste immer wieder aufgeführt werden (u.a. Ariadne auf Naxos von Richard Strauss);
° Ariane als (ins Französische transponierter) Name der wichtigsten Rakete der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA.

2.1.6 Nicht vergessen sollten wir schließlich keine weitere menschliche Gestalt, sondern ein sehr symbolisch aufgeladenes Objekt: den Roten Faden ! (s. Schluss dieses Beitrags)




Aus alledem lässt sich ableiten:

2.2 Die siebengliedrige Labyrinth-Erzählung


Die Labyrinthiade ist, wenn man so will, ein abenteuerlicher Kriminalroman. Er beginnt mit einer Entführung, steigert sich zu einem heimtückischen Mord, endet mit einem ebensolchen – und erreicht seinen Höhepunkt im einem tödlichen Zweikampf. Hier die einzelnen Erzählstränge, sieben an der Zahl, passenderweise entsprechend den sieben Bögen des kretischen Labyrinths:

2.2.1 Die Entführung
Göttervater Zeus verliebt sich in Prinzessin Europa, Tochter des orientalischen Herrschers Phönix, und entführt sie in Gestalt eines Stiers auf seinem Rücken zur Insel Kreta. Dort zeugt er mit ihr drei Söhne: Minos, Sarpedon und Rhadamanthis. Minos tötet seine Bruder-Rivalen, wird zum Herrscher Kretas und zum Begründer der abendländischen Kultur. Er schafft, der Sage nach, die ersten Gesetze dieser frühesten Hochkultur auf europäischen Boden.

2.2.2 Die Heldenreise
Prinz Theseus kämpft im Labyrinth mit dem Minotauros, um das Leben der athenischen Geiseln zu retten, die dem Ungeheuer als Tribut geopfert werden sollen. Dabei hilft ihm Prinzessin Ariadne mit einem Schwert und dem zum geflügelten Wort gewordenen Roten Faden.

2.2.3 Das Genie mit mörderischen Exzessen
Eine dritte Geschichte handelt vom griechischen Erfindergenie Daidalos. Zunächst muss er seine Heimatstadt Athen verlassen, weil er - aus Neid und Eifersucht - seinen begabten Lehrling und Neffen Perdix ermordete und auf diese Weise an den kretischen Königshof gerät. Dort wird er Erbauer und bald auch Gefangener des Labyrinths. Es gelingt ihm, mit seinem Sohn Ikaros (den er mit der Sklavin Naukrate zeugte) mit Hilfe künstlicher Flügel aus dem Labyrinth zu fliehen und sich nach Sizilien zu retten. Dorthin verfolgt ihn der zornige Minos - um von Daidalos heimtückisch ermordet zu werden.

2.2.4 Die Vor- und Nachgeschichte der Heldenreise
Theseus wiederum hat eine - sehr lange - Vorgeschichte, in der er viele Ungeheuer tötet und sich auf seine spätere Zeit als König von Athen vorbereitet.
Die Nachgeschichte von der langen, weisen Herrschaft des Theseus über Athen, wegen der man ihn noch heute als größten König dieser Stadt und Kultur preist, endet jedoch schmählich in Verrat und tragischer Enttäuschung: die Athener verbannen den König aus der Stadt.

2.2.5 Medeas Rachsucht und Mordlust
Dann wäre da noch die Geschichte von Theseus´ Stiefmutter Medea und - indirekt - auch das abenteuerliche Leben von deren Geliebten Jason (der mit seinen Argonauten das Goldene Vlies von Kolchis erobert).

2,2,6 Phädras Tragodie
Außerdem ist da noch die völlig eigenständige Geschichte von Theseus´ zweiter Frau Phädra (wenn man Ariadne sinnvollerweise als seine erste "Frau" betrachtet, obwohl die beiden keine Ehe im üblichen Sinn führten, aus der Beziehung jedoch ein Kind entstand).

2.2.7 Ariadnes Triumph
Last but not least ist da die Nachgeschichte von Ariadne, der Geliebten des Theseus , die in einem Heiligtum des Dionysos auf der Insel Kos und in ihrem Triumph als Sternbild endet - und deren Schicksal damit das des Theseus noch weit überragt.



2.3 Kein Wort bezeichnet einen Zustand der Unsicherheit...


... und der "Suche nach Sinn" besser als Labyrinth oder labyrinthisch (dass damit eigentlich immer ein Irrgarten gemeint ist, unterstreicht dies nur noch). Man wird diesem Wort fast jeden Tag in der Zeitung begegnen und kaum ein Roman kommt ohne es aus. Mehr hierzu unter AKTUALITÄT DES LABYRINTH-MOTIVS und in meinem LABYRINTH-Blog.



2.4 Auf vielfältige Weise gibt es Querverbindungen innerhalb der griechischen Sagenwelt


° So gewährt Theseus als König von Athen (also in der Zeit nach dem Labyrinth-Abenteuer auf Kreta) dem Oidopos (Ödipus) und seiner Tochter Antigone Zuflucht und ist später der einzige, der weiss, wo sich das Grab des Ödipus befindet.

° Die Stiefmutter des Theseus ist Medea - die sich zuvor in Jason verliebt hatte, die Hauptfigur der Argonauten-Sage.
Um die Herrschaft von König Minos zu brechen, hilft sie Jason gegen Ende der Argonautenreise, den künstlichen Riesen Talos zu töten; dieser Bronzemann umkreiste dreimal jeden Tag die Insel und hielt mit seinem gigantischen Metallkörper fremde Schiffe von der Insel fern - Science Fiction im Altertum!
Nachdem sie auf diese Weise Minos´Herrschaft geschwächt hat, heiratet die Intrigantin in Athen Theseus´ Vater Aigäos, den sie für kinderlos hält; dadurch will sie ihrem eigenen Sohn Medos die Thronfolge sichern. Als Theseus später auftaucht, will sie ihn vergiften; der Versuch misslingt jedoch und sie muss fliehen.
Ähnlich wie Ariadne (s.u.) hat Medea immer wieder Künstler inspiriert; so im September 2007 Pascal Dusapin zu der Oper mit ihrem Namen als Titel - nach Heiner Müllers Textvorlage Medeamaterial. Und wenn Mütter ihre Kinder töten, darf man sicher sein, dass auf Medeas Untat der gleichen Art Bezug genommen wird.
(Medeas Tante und Vorbild ist übrigens die Zauberin Kirke - die den Odysseus verhext und seine Gefährten in Schweine verwandelt.)

Von Theseus wiederum gibt es sogar eine Verbindung zu ATLANTIS: Platon schreibt in seinem Dialog Kritias, in welchem er die Atlantis-Sage nach dem Dialog Timaios (wo er sie erstmals ausführlich vorstellt und wohl auch erfunden hat) zum zweiten Mal behandelt:
"So geschah es, dass sich die Namen, nicht aber die Taten der alten Bewohner des Landes [Atlantis] erhielten.... Erysichthon und die meisten andern, was da an Namen vor Theseus erwähnt wird..." (S.220)

° Pasiphaë, die Gattin des Minos, ist eine Tochter des Sonnengottes Helios. Von diesem führt wiederum eine Querverbindung zu

° Odysseus, einem der bekanntesten Sagenhelden der Welt: Als dieser mit seinen Gefährten auf der Insel Trinakria (heute: Sizilien) landet, ist die Mannschaft vor Hunger dem Wahnsinn nahe und tötet deshalb trotz der Ermahnungen des Odysseus (während dieser schläft) die heiligen Rinder des Helios, die dort grasen. Bald darauf, wieder auf See, vernichtet sie Zeus auf Bitten des erzürnten Helios mit einem entsetzlichen Sturm, den nur Odysseus überlebt.

Mindestens so bekannt geworden wie Ariadne, die Geliebte des Theseus, und ihr monströser Halbbruder Minotauros, ist eine andere Tochter von König Minos und seiner Gemahlin Pasiphaë: Phädra. Lange nach der Labyrinth-Geschichte, als Theseus Ariadne längst vergessen hat und König Minos von Daidalos auf Sizilien ermordet wurde, heiratet Phädra den Theseus und gebiert ihm zwei Söhne, Demophon und Akamas (über die wenig bekannt ist - außer ihr Bezug zur schönen Helena und dem Mythos Troja - s.u.). Was Phädra aber weit interessanter macht - und in etlichen Opern und Dramen verewigt wurde - ist ihre unglückselige Liebe zu Theseus´ Stiefsohn Hippolytos (den Theseus mit der Amazonenkönigin Hippolyte [nach einer anderen Version: Antiope] gezeugt hatte).

(In seinem autobiographischen Venedig-Bericht Parsival in Venedig erwähnt der bekannte Dirigent Guiseppe Sinopoli auf S. 29 einen weiteren Bruder von Ariadne und Phädra: Asterion. Der Name ist sehr ähnlich dem des Königs Asterios von Kreta, der die von Zeus entführte und geschwängerte Prinzessin Europa heiratete und ihre von Zeus stammenden Söhne Minos, Rhadamanthis und Sarpedon adoptierte - ein weiser Schachzug. Asterios hieß weiterhin ein Sohn des Minos, den Theseus im Zweikampf tötete, bevor er ins Labyrinth eindrang, um dort den Minotauros zu bezwingen - den man in anderen Überlieferungen allerdings ebenfalls Asterios nennt.)




3. Der Rote Faden


In eine völlig andere Kategorie gehört ein Begriff aus der Labyrinthiade, den man als ihr zentrales Element bezeichnen könnte: Der Roten Faden. Uns in der Gegenwart ist dieser Begriff bereits so zum festen Bestandteil der Vorstellungswelt geworden, dass wir nicht daran denken - oder es gar nicht wissen - dass auch dies zur Labyrinth-Sage gehört: Jener ominöse Faden, den Prinzessin Ariadne dem Theseus gibt (zusammen mit einem Schwert), damit er den Minotauros töten kann, ihren schrecklichen Halbbruder.
Rätselhaft ist zunächst, weshalb man dieses Garnknäuel als Erfindung des Daidalos ausgibt. Dies klärt sich jedoch rasch, wenn man sich klarmacht, dass die Windungen des klassischen kretischen Labyrinths genau diesem roten Faden entsprechen.
Ein aktuelles Beispiel für die uns selbstverständlich gewordene, alltägliche Nutzung des Begriffs findet man in einem Artikel des Spiegel (Schultz 2007, S. 139 - Hervorhebung JvS):


"Die Befunde weisen klar in eine Richtung: Die Geburt der Kunst vollzog sich [vor 35.000 Jahren] offenbar aus dem Geist der Magie. [. . .] Die ´alten Meister` des Paläolithikums sind zwar bald 1300 Generationen von uns Heutigen entfernt. Aber es gibt einen Roten Faden, der eine Verbindung zu ihnen herstellt: Es sind die ´Wilden´ und Naturvölker, erforscht von der Ethnologie. "


Biblio- und Filmographie

Bencsik, Attila und Bencsik, Andrea: Ariadnes Schwestern. München 2003 (Kösel)
Betz, Otto: Labyrinth des Lebens. Freiburg i.Br. 2001 (Herder)
Borges, Jorge Luis: Fiktionen (Borges GW Bd. 5) . (Buenos Aires 1939-1944) Frankfurt am Main 1992-05 (Fischer TB) (München 1992 = Hanser)
ders.: Universalgeschichte der Niedertracht. (Original 194?). Frankfurt am Main 1972 (Ullstein TB) (München 1970 = Hanser)
ders.: Das Aleph (Borges GW Bd. 6) . (1974+) Frankfurt am Main 1992-07 (Fischer TB) (München 1974 = Hanser)
Boyle, Danny (Regie): Sunshine. USA 2007.
Colli, Giorgio: Die Geburt der Philosophie. (Milano 1975) Frankfurt am Main 1981 (Europäische Verlagsanstalt) - TB-Ausgabe: Frankfurt am Main 1990 (Athenäum)
Dusapin, Pascal (Regie): Medea. September 2007 (Oper nach Heiner Müllers Textvorlage "Medeamaterial")
Eastwood, Clint (Regie): Space Cowboys. USA 2000 (Village Roadshow)
English, Jonathan (Regie): Minotaurus. Deutschland, Italien etc. 2006? (First Look Films)
Grant, Michael und John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. (1973) München 1976 (List)
Henson, Jim (Regie): Die Reise ins Labyrinth. USA 1994 (Lucas Film)
Jaskolski, Helmut: Das Labyrinth. Stuttgart 1994 (Kreuz)
Kerényi, Karl: Dionysos. (München 1976: Langen Müller). Stuttgart 1994 (Klett-Cotta)
Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872)
Otto, Brinna: König Minos und sein Volk. Das Leben im alten Kreta. Zürich 1997 (Artemis)
Platon: Politikos - Philebos – Timaios - Kritias. (360 vChr ca.). Reinbek 1968/41.-50. Tsd. (Rowohlts Klassiker)
Pohlke, Reinhard: Das wissen nur die Götter - deutsche Redensarten aus dem Griechischen. Zürich / Düsseldorf 2000 (Artemis & Winkler)
Schadewaldt, Wolfgang: Die Sternsagen der Griechen. Frankfurt a.M. 1956 (Fischer TB)
Schulz, Matthias: "Am Anfang war die Kunst". In: Der Spiegel Nr. 27 vom 2. Juli 2007 (Titel)
Sinopoli, Giuseppe: Parsifal in Venedig. (Venedig 1993) München 2001 (Claassen)
Stern, Steven Hilliard (Regie): Mazes and Monsters (Labyrinth der Monster) USA 1982
Toro, Guillermo del (Regie): Pans Labyrinth (Il labirinto del Fauno). Mexiko USA 2006
Wolff, Uwe: Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenene Mitte. Freiburg i.Br. 2001 (Herder)


© 2009 / 2001 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de