DAS UNLÖSCHBARE FEUER

Space opera von Munro R. Upton



Was wußten Menschen schon von der Psyche eines Etlf.

Srin schauderte.

Er war wie betäubt, aber er folgte den rituellen Bewegungen Samsons, und gemeinsam trugen sie den Tank, in dem Caldonja-Etlf wie ein wunderliches Meerestier schwebte, aus der Panzerkammer, durch die rauchenden Überreste Grnn-Ghaalors, hinaus ins Freie.

Dorthin, wo bereits das undurchdringliche Dunkel der Planetennacht herrschte, nur vom bleichen Schein eines riesenhaften und uralten Halbmondes müde erhellt.

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[2008-12-22 ok / ur 2002-04-16]


(Autoren: Jürgen vom Scheidt - für die Einleitung / Munro R. Upton - für den Rest )


Zur Vorgeschichte dieses transgalaktischen Abenteuers sollten Sie unbedingt auch mal diesen Text anklicken : DAS UNLÖSCHBARE FEUER (Making of)

Und hier ist der Anfang dieser Geschichte und ein Kapitel aus dem Mittelteil (mehr möchten ich Ihnen nicht zumuten).


Inhalt:

FOLGE 1 : FRAGE AN EIN WEIBLICHES GEHIRN
Abgrundlose blaue Augen
Die zehnte Tasse
Eine falsche Fährte
Heimweh-Drüsenfieber
FOLGE 32 : DIE ROBOTER VON GRNN-GHAALOR
Milliarden von Pferdestärken
Caldonja! Caldonja !!!
Der Tanz der höchsten Gottheit
Irrsinnige Wut stieg in ihm auf
Start in die Unendlichkeit
_Anmerkung
_Bibliographie



"... brannte ein unlöschbares Feuer in jedem
der Kämpfer, deren unerschrockenster
Srin Davor genannt wurde.
Tymmh-Conorh aber war die Stätte
ihrer Kraft - und ihres Untergangs!"
Vil Mc'Grahon, 3017 p. sc. .
AUFSTIEG UND UNTERGANG
DES ERSTEN GALAKTISCHEN REICHES,
CD-ROM 187Z/ýøbeta, dat. 1712)




DAS UNLÖSCHBARE FEUER: EIN HELDENLEBEN UND SEINE FOLGEN


(Autor: Munro R. Upton jr. / xytrblk203)


Unermeßlich groß ist die Milchstraße, ein vielgliedriges Rad aus Sonnen und Abersonnen. Von einer Ewigkeit zur nächsten dreht sie sich durch die sonnengepunktete Schwärze des Kosmos, unaufhörlich, unbegreiflich.
Zwei Zivilisationen existierten gegen Ende des Dritten Jahrtausends in dieser Sternensee, zwei Weltenreiche, die jeweils Hunderte von Planetensystemen umfaßten. So winzig diese beiden Gebilde inmitten der Milchstraße auch sein mochten - für die Lebewesen, die sie geschaffen hatten, waren sie der Inbegriff des Gewaltigen, des Unübertrefflichen. Dann brach der Große Krieg aus. Der zy-klonische Diktator Batur Letegniem überfiel in seiner unersättlichen Machtgier die umliegenden Welten. Sein erster Feldzug galt dem Planeten Gkriffnu mit seiner sagenhaften Festun Tymmh-Conorh, in der die Samurai der Milchstraße ausgebildet wurden. Srin Davor und sein treuer Diener entkamen als einzige dem Inferno ...



FOLGE 1 : FRAGE AN EIN WEIBLICHES GEHIRN


"Ich brauche dringend eine Frau", sagte der einsame Mann. Er stützte dabei müde seinen schweren Kopf in die Hände. Plötzlich zerriß ein greller Mißton die lastende Stille in der Kommandohalle. Irritiert blickte der 27jährige auf. Langsam, wie in Zeitlupe, hoben sich seine vor Erschöpfung schweren Augenlider. Seine Sehachsen pendelten sich auf das gemeinsame Ziel ein, sein starrer Blick wurde weich und geschmeidig.

Er peilte die etwa fünfzig Meter breite hufeisenförmige Steuerkonsole an. Aber deren unzählige, vielfarbigen Lämpchen verwirrten ihn im Augenblick nur. Er kam sich vor wie ein erfahrener Dirigent, der über Nacht vergessen hat, was eine Partitur bedeutet und nun vor sein Orchester hintritt, ohne zu ahnen, wie es losgehen soll.



Abgrundlose blaue Augen


Irgendwo war dann ein zweites, klares und helleres Geräusch. Es kam aus der allgemeinen Richtung, in der die Kombüse lag.

Ein erlöstes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des bisher eher schwermütigen, ausgepumpten Mannes aus. Und in seine abgrundlosen blauen Augen stahl sich jener Ausdruck, der jedes Frauenherz zum Schmelzen brachte - wenn eines in der Nähe war.

"Samson kocht Tee", seufzte er erleichtert. Wie durch ein Wunder war da mit einem Mal Kraft in seinen mächtigen Muskelsträngen, er dehnte und streckte sich genüßlich, stieß dann einen tief unterhalb des Nabels, vor dem Sonnengeflecht beginnenden Janovschen Urschrei aus, der rasch markerschütternde Höhen erklomm. Ein auch in der Kommandohalle noch deutlich wahrnehmbares Klirren von zerbrechendem Glas teilte ihm mit, daß er seinen Diener erschreckt hatte und ein weiteres der kostbaren Teegläser aus den Ruinen der Mutterwelt den Weg aller irdischen Dinge gegangen war.

"Armer Samson", sagte er kopfschüttelnd und schluckte den Groll darüber hinunter, daß er nun das heiß ersehnte Getränk aus einem billigen Blechtopf würde trinken müssen; denn sicher hatte der ungeschlachte Poltare wieder vergessen, die Spülmaschine in Gang zu setzen. Doch es blieb ihm keine Zeit, weiter solchen Gedanken nachzuhängen. Auf dem gigantischen Panoramabildschirm direkt vor seinen Augen tat sich etwas!



Die zehnte Tasse


Die roten Warnboje, welche die Algol in den Normalraum vorausgeschickt hatte, blinkte eifrig und kündete das Kommen des Kreuzers an, während sie gleichzeitig auf geheimnisvolle Weise die Aufnahmefähigkeit der Raumstruktur für die größere Masse des Schiffes steigerte. Als das Einsteinsche Feld locker genug war, glitt die Algol am Leitstrahl der Boje bedächtig nach.

Langsam, wie ein unschlüssiger Schatten, erschien erst das Abbild des Kreuzers. Und dann war er plötzlich da, materialisiert zu seiner gesamten wuchtigen Größe, die - ein völliges Nichts im unendlichen Pararaum - ein beachtliches Nichts im endlichen Normalraum war.

Erwartungsvoll kauerte Srin Davor im Sessel des Chefpiloten und schlürfte seine zehnte Tasse schwarzen Tees an diesem Tag, den der emsige Samson gebraut hatte. Die Stille schien die Wände der überdimensionalen Zentrale mit den wunderlichen Mustern einer komplexen Technik zu einem eigenen Kosmos zu weiten, zu einem Weltraum, der anderen Gesetzen unterworfen war. Zwei Gefühle waren in Srin Davor, die eigentlich, wenigstens rein wortmäßig, ein und dasselbe bedeuteten: Die Angst vor dem, was unweigerlich hinter ihm kam, und die Angst vor dem, was unabänderlich vor ihm lag.

Dazwischen gab es zwar theoretisch noch eine dritte Möglichkeit - aber vor der fürchtete er sich noch mehr als vor den beiden anderen zusammen.

Diese beiden Gefühle brannten jetzt in ihm wie die Elektroden einer Kohlenbogenlampe, wobei er selbst die Flamme war. Und er war sich über den Kausalnexus, der zwischen beiden bestand, durchaus im klaren - und über die Sinnlosigkeit des Tuns, das diesen ursächlichen Zusammenhang einer nur zu bekannten Vergangenheit und einer kaum bekannten Zukunft zu seiner Gegenwart gemacht hatte. Ein Soldat fragt nicht nach solchen Dingen - solange er nur tut, was Vorgesetzten zu befehlen beliebt. Wenn er in eigener Sache handelt, sieht das ganz anders aus.



Eine falsche Fährte


Da wurden dann plötzlich Details wichtig, an die ein tymmh'conorhscher Held sonst nie im Leben gedacht hätte. Diese Angst ... Er bohrte gedankenversunken mit dem linken Zeigefinger in seiner Nase. Diese Angst (oder besser das, was diese Angst verursachte) -diese zurückhalten und für eine winzige Frist irrezuführen, war die Aufgabe Samsons.

Der würde das Suchraumschiff mit der gierigen Meute auf eine falsche Fährte setzen.

"Samson -"

"Srin?" Der wuchtige Leib des Poltaren, dessen zottiges, graugrünes Fell von seiner niedrigen Kulturstufe und seiner Aufrichtigkeit sprach, richtete sich in einer behaglichen Dehnung neben dem sterngebeizten Mann auf.

"Samson, du weißt, daß ich die Algol aus dem schwerbewachten Depot auf Gkriffnu gestohlen habe. Ich will meine Desertion aus den tymmh-conorhschen Kasematten nicht rechtfertigen, aber ich möchte, daß du dir völlig im klaren darüber bist, wie wichtig es ist, daß ich Caldonja treffe!"

"Du kannst dazu völlig sein - Srin - beruhigt ! Werde ich sehr sein aufmerksam über dich Sicherheit."

Die gebrochene Aussprache und wie der Poltare seine einfachen Sätze schwerfällig aneinanderreihte, das war für Srin Davor ein Geschenk; zu lange hatten die geschliffenen Zungen der Ausbilder sein Inneres und Äußeres abgeflacht.

"Schön. Setz mich auf dem Rotgefleckten Planeten ab, neben der Festung. Dann laß dich jagen. Drei Stunden genügen mir.
Sieben Bojen hast du zur Verfügung, sieben Möglichkeiten, die Bluthunde in die Irre zu führen. Nütze sie gut!"

Und dann, nach einer nachdenklichen Pause:

"Und jetzt koch mir noch einen Tee."



Heimweh-Drüsenfieber


Was gab es, das einen Krieger zuverlässiger als kochend heißer Tee in den Geist des Zen versetzte, der wiederum jene erhöhte Aufmerksamkeit erzeugte, ohne die der Tod nie lange auf sich warten ließ.

Während Samson Wasser aufsetzte, holte Srin Davor die nun zwecklose Multiprozessor-Boje, die violett pulsierend neben der Algol trieb, per Richtfunk in ihr Leitrohr zurück. Dann verließ er den Sessel, in den sofort Samson seinen erwartungsvoll zitternden Körper gleiten ließ. Die Bedienung des Kreuzers war denkbar einfach und würde dem geschickten Poltaren keine Schwierigkeiten bereiten. Aber daran dachte der Krieger nicht, als er - die wenigen noch verbleibenden Minuten nützend - hinunter in den Kalkulator-Saal stürzte und dem E-Gehirn rasch ein paar Daten einfütterte.

Das Ergebnis konnte ihn nicht weiter bestürzen. Seine nervliche Belastung hatte nunmehr jenen Grad erreicht, wo sich das vegetative Nervensystem einschaltete und die Überbelastung ins Unbewußte kompensierte. Dieses rückkoppelte sofort posthypnotische Befehle und überlagerte den Angstkomplex mit wohldosierten, von berühmten Gelehrten genauestens berechneten Mutbildern aus den natürlichen Reserven seiner eigenen Persönlichkeit.

Die altmodischen E-Gehirne dienten dabei weniger der Verstärkung seiner mathematisch-kombinatorischen Fähigkeiten (dazu hätte der in seinem linken Handrücken implantierte Nano-AT weit bessere Dienste geleistet) als der Erhöhung jener gefürchteten Nostalg-Komponente, auch als das "Drogar'sche Heimweh-Drüsenfieber" bezeichnet, das einen Krieger vom Schlag Srin Davors mehr motivierte als ein Jahressold für die Arbeit weniger Stunden - und mit viel mehr rechnete Srin zu jenem Zeitpunkt ja nicht (was ihm niemand verdenken konnte).

Aus dieser starken Gefühlsspannung ergaben sich die ungeahnten seelischen Widerstandskräfte, für die Gkriffnus Soldaten so berühmt und wegen derer sie noch viel mehr gefürchtet waren. Aber seit Letegniems heimtückischem Überfall war Srin Davor der letzte dieser unüberwindlichen Krieger.

Er schlürfte seine elfte Tasse schwarzen Tee - aber der Tee war kochend heiß, und er verbrannte sich den Mund. Alles ging nach Plan. Bis jetzt wenigstens. Er stieß einen Wutschrei aus:

"Verdammter Samson!" Dann besann er sich und ergänzte zähneknirschend: "Verdammter Letegniem! Aber wir sprechen uns noch. Ich werde diesen verfluchten Planeten Zykloon vernichten."

"Wenn ich nur erst bei Caldonja wäre - ", seufzte er endlich. Er legte die berühmte cortical-thalamische Pause der tymmh-conorhschen Xialisten ein und ging pinkeln. Anschließend war er bereit.

[Wir lassen hier eine weniger interessante Episoden aus, die der Leser in eigener Entscheidung jederzeit von einem der ständig abrufbereiten ROM-Kristalle auf den Bildschirm holen kann, und verzweigen den Handlungsfaden direkt in die packende, einem ungeahnten Höhepunkt zusteuernde:]




FOLGE 32 : DIE ROBOTER VON GRNN-GHAALOR


Nur wenige Stunden später stand Srin Davor auf dem sturmgepeitschten Planeten Kroohnaak. Vor ihm türmten sich die unermeßlichen Wälle der Festung Grnn-Ghaalor mit ihren psychosomatischen Abwehrmechanismen, die noch kein Sterblicher bezwungen hatte.

Srin Davor lachte laut und anhaltend.

Dann richtete er sich zu seiner ganzen Größe von zwei Meter fünfundzwanzig auf, reckte die mächtigen muskelbepackten Schultern und schritt in unermeßlichem Selbstvertrauen und mit der Zuversicht des ausgebildeten Kriegers von Tymmh-Conorh auf die flirrende, tödliche Energiewand zu. Er erreichte sie, veränderte die Zellstruktur seines halbgöttlichen Körpers geringfügig und - trat hindurch. Jetzt stand er direkt vor dem Warnfield-Panzer.

Er stellte eine Leitstrahlverbindung zu der Energiewand her, formte die reine, nackte Energie - die höherdimensionaler Art war und in ihrer derzeitigen Form einem entsprechenden materiellen Körper nichts anhaben konnte - mit Hilfe der veränderten Atomstruktur seiner Körperzellen um und streckte den Arm aus.

Mit einem langen Zeigefinger deutete er langsam auf den Warnfield, der gerade von rechts gefahrdräuend gekrochen kam. Sekundenbruchteile später brach eine Energielanze aus seinem Finger, traf das stählerne Monstrum und durchbohrte es von einem Ende zum anderen. Als er im Vollgefühl seines Sieges weiterschritt, bildete der Warnfield hinter ihm nur noch einen undefinierbaren Haufen rotglühenden Cintreno-Stahls.

Unter einer zerflossenen Kryklostron-Röhre zuckte ein abgetrennter Roboterfuß; aber es waren nur leblose Reflexzuckungen. Srin verspürte ein menschliches Rühren, aber tapfer, wie er war, sagte er sich, daß dafür jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei.

Die Robotanlagen der Festung Grnn-Ghaalor eröffneten das Feuer auf Srin Davor, als er sich nur noch wenige Schritte von der dreißig Meter starken Metallwand entfernt befand. Er schrie vor Lachen, als Dutzende von Todesstrahlen harmlos an dem durchsichtigen, undurchdringlichen Schirm abprallten, den er mittels Korakamiin-Orgh um sich gebildet hatte und mit der Energie des Leitstrahls aufrecht erhielt.



Milliarden von Pferdestärken


Dann traf eine Zwanzig-Zentner-Impulsgranate auf den Energieschirm, schleuderte Srin Davor durch den schieren Aufprall zur Seite, und - da verging ihm das Lachen.

Er kletterte mühsam auf die Füßte, raste auf die Festung zu und schnitt sich innerhalb kürzester Zeit einen Weg durch die Metallmauern. Der superharte Cintreno-Stahl verwandelte sich vor seinen Strahlen in unsichtbares, heißes Gas. Der Druck auf seine Blase hatte unheimlich zugenommen, aber Tymm-Conorhs unerschrockene Krieger hatten gelernt, sich zu beherrschen.

Noch immer im Zentrum unzähliger krachender, knisternder Energiestrahlen und langgestreckter Geschoßbahnen, eilte er mit raumgreifenden Schritten durch die Gänge des Forts. Kampfgeübte Robots traten ihm mit Alpha-, Beta-, Gamma- und Deltastrahlen in den Weg; aber erfegte sie mit einem tonnenstarken Druckstahl unwillig zur Seite und raste weiter. Der Leitstrahl, der sich vom Transformationszentrum in seinem Körper schnurgerade zur Energiewand zurückstreckte, leuchtete in fahlem, bläulichem Licht.

Leise murmelten kolossale Ströme in ihm, als er Energien im Werte von Milliarden von Pferdestärken verschleuderte. Aber beim Militär hat man ja noch nie besonders mit Energie gespart, und wer hat da schon ja an die Umwelt gedacht...

Er war ein Turm wandelnden Feuers, umgeben von rotglühenden Ionen, schweren Neutronen, lichtschnellen Photonen und gräßlichem Ultraschall, als er in rasender Eile und unter brüllendem Gelächter die letzten Panzerschotten durchbrach und die innersten Strahlwaffennester der Verteidigungsautomaten stürmte.

Noch war es nicht zu spät. Vielleicht würde er es schaffen.

Durch Korakamiin-Orgh hatte er wertvolle Minuten zurückgewonnen ... Oder täuschte er sich da?

Ein Trümmerfeld aus glühendem, zerschmolzenen Übermetall umgab ihn gleich dem Schmelzfluß eines Hochofens, als er keuchend, das Herz in der Brust ein einziger tobender Hammer, das Allerheiligste der Festung erreichte. Es war ein leerer, öder Raum, der nur zwei Dinge enthielt. In seinem Boden eingelassen, klein, einfach und doch ungeheuer schicksalshaft ...

Ja, da war er! Der feuerrote, drohende und wiederum so harmlos wirkende Hebel, der den Grund seines Hierseins bildete!!!

Und dahinter, an einer der fünf stumpfgrauen Wände der Stahlhöhle ...

Eine riesige Apparatur, deren Hauptteil ein hüfthoher Tank aus Panzerglas zu sein schien. Der Tank enthielt eine sorgfältig unterhaltene Nährlösung, und er war besetzt mit einer Unmenge von Instrumenten, Mechanismen, elektronischen Augen, Lautsprechern, Projektoren - und Waffen.

Aber mehr als alles andere interessierte Srin jetzt, wo das nächste Klo war. Unruhig schaute er sich nach einem entsprechenden Logo um. Doch diese Zivilisation, die er gerade zu Bezwingen im Begriffe stand, war wohl noch nicht so hoch entwickelt, um seinen speziellen Bedürfnissen zu entsprechen. Achselzuckend konzentrierte er sich erneut auf seine Aufgabe und befahl Nieren und Blase, sich noch ein wenig zu gedulden.

In der öligen, goldgelben Nährlösung dicht vor ihm ...



Caldonja! Caldonja !!!


...schwamm ein überdimensionales menschliches Gehirn! Sanft pulste das Blut in den Gefäßen, die seine stark gefurchte Oberfläche bedeckten, und kleine Blasen perlten in der Nährlösung auf. Srin Davor richtete sich aus seiner abwartend gebückten Stellung auf. Mit einem abgegrenzten Teil seines Bewußtseins erkannte er, daß die Energiewand vor der Festung verschwunden war. Er hatte sie durch seine ungestüme Erstürmung der Festung völlig aufgezehrt. Der Leitstrahl flackerte noch einmal kurz auf und erstarb dann endgültig.

Gleichzeitig spürte er, daß der zweipolige Angskomplex, den er an Bord der Algol künstlich in sich erzeugt hatte, und damit auch seine überfähigen Neutralpotentiale verschwunden waren.

Aber das bedrückte ihn nicht weiter. Er kannte noch viele andere Tricks. Er sagte:

"Du bist - Caldonja?"

"Ja", entgegnete das Gehirn und schwieg wieder. Sekunden vergingen; dann begann es, offensichtlich völlig unmotiviert, höhnisch zu lachen. Es war jedoch das irre Lachen des Etlf* ; das von subkosmischen Schwingungen getragen, ekttenreagierend, von einer Milchstraße zur anderen übersprang, kosmische Stürme unfaßbaren Ausmaßes entfachte und mit seinen letzten zuckenden Störfeldern bis in Srin Davors gegenwärtige Existenz vordrang.

Srin hielt es für das Lachen Caldonjas. Denn, so folgerte er, das Gehirn mußte erkannt haben, daß er, der Erstürmer der mächtigsten Festung aller Galaxien, plötzlich wehrlos dastand. Weil die Urenergie erschöpft war !

"Caldonja", preßte er hervor. Er war höchst wütend über seine Hilflosigkeit.
"Caldonja! Du weißt nicht, weshalb ich hier bin. Ich mußte die Algol stehlen und deine Mauern sprengen. Es gab keinen anderen Weg zu dir. Ich nahm es auf mich, zum Deserteur zu werden -"

Der Notschrei, den Srin Davor ungewollt hervorstieß, erstarb unvollendet. Die Instrumente an Caldonjas Tank vermittelten ihm die Erkenntnis, daß er sich im telepathischen Bereich des Gehirns befand. Hier half kein Lügen und keine Ausrede für seine Tat. Was er sagte, galt nicht vor diesem Supergehirn. Nur das, was er dachte.

Und er dachte an die ausgleichende Gerechtigkeit, die auch die Energiewand der Festung hatte zusammenbrechen lassen. Und er dachte voller Verzweiflung daran, daß er endlich pinkeln mußte, aber sich vor dem weiblichen Gehirn schämte. Und daß er schon wieder Teedurst hatte.

Aber gerade das reizte die Eitelkeit Caldonjas. Es war ein weibliches Gehirn. Und es reagierte sofort mit einem Befehl an seine Waffen. Rasselnd glitten die Panzerplatten von den kostbaren Platinscheiben der Todessender ...



Der Tanz der höchsten Gottheit


Samson tanzte, mit einer bis ins Unfaßliche gesteigerten Wildheit. Mit der letzten Warnboje war er auch die Verfolger für immer losgeworden - und jetzt tanzte er, denn er wußte genau, daß das Abschütteln der irregeführten Meute nur ein kleiner Teil des Problems war. Das Hauptproblem hatte immer noch Srin Davor zu lösen. Die tief in seinem Unbewußten schlummernden und jeder Wissenschaft noch immer unzugänglichen Übersinne ließen ihn deutlich spüren, daß die Entropie seines Freundes (die weiter nichts war als die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz) sich ihrem Nullwert stark näherte.

Natürlich wußte Samson nichts von Entropie, von der Zunahme der Unordnung im All, aber diese Formulierung entsprach in etwa dem, was er auf rätselhaften Bahnen empfing.

Und nun tanzte Samson. Er tanzte, weil die Überlieferungen seiner Rasse von einer Wesenheit wußten, deren tatsächliche Existenz allein Srin Davor retten konnte. Die wechselnden Schwerefelder verwoben sich mit seinen impulsiven Bewegungen zu einem Rhythmus, in dem er vollkommen aufging, bis er nur noch eine Art Automat war, der den seit Urzeiten in seinen Gen-Mustern eingegrabenen Formen und Figuren der polatschen Mythentänze willenlos nachtaumelte. Das war der Tanz der höchsten Gottheit.

Das war der Tanz des Etlf.



Irrsinnige Wut stieg in ihm auf


"Warum machst du nicht endlich Schluß!" schrie Srin Davor, am Ende seiner Geduld. "Ich habe mich schließlich der einzigen Möglichkeit begeben -"
"Ich habe getanzt", sagte Samson, wobei er Srin Davor beruhigend die haarigen Hände auf die Schultern legte. "Und hier bin ich wieder. Willst du jetzt nicht deine Fragen stellen, Srin?"

Und da wußte Srin Davor mit einem Male wieder, was er hier wollte. Die verlorene Schlacht im Glongton-Nebel, die sein Volk so unerhörte Opfer gekostet hatte, fiel ihm wieder ein.

Und der heimtückische Überfall des zy-kloonschen Diktators Letegniem, wegen dem Tausende und Abertausende seiner Kameraden in den gkriffnu'schen Kasematten ums Leben gekommen waren.

Irrsinnige Wut stieg in ihm auf. Ja, das war es ! Caldonja hatte seiner Ansicht nach durch jämmerliches Versagen diese Katastrophen verursacht. Sie war es doch gewesen, welche die Kriegsmaschinerie von Tymmh-Conorh geleitet hatte - sie, der gefürchtete HyperCommander Caldona Melinda Everez/Krunbiglia/Verosplenundra. Sie ...

Und er wollte nun endlich die Antwort wissen ! Aber Caldonja schwieg. War es tot, das unsterbliche Supergehirn? Doch nein, es pulsierte ja noch in der goldfarbenen, eigentümlich riechenden Nährflüssigkeit.

Ohne auf die drängenden Worte seines Freundes einzugehen, begann Samson plötzlich mit monotoner Stimme:

"Ich habe den Tanz der höchsten Gottheit getanzt, bis ich zusammengebrach. Jetzt bin ich wieder hier. Die Algol wartet auf uns drei."

"Auf uns drei?" Srin Davor fuhr entsetzt herum. Er starrte fassungslos auf Caldonja, das Gehirn. Und dann ergänzte er nüchtern:

"Du wiederholst dich - und du tanzt zuviel."

"Srin Davor", sagte Caldonja. "Du machst mir den Vorwurf, daß meine Fehlprognosen Schuld am Verlust dieser entscheidenden Schlacht und an dem anschließenden Überfall auf Tymmh-Conorh waren. Weiß du, was das Etlf ist?"

Srin Davor nickte zögernd.

"Ich bin das einzige der vielen tausend Gehirne des Etlf, das seine Selbstopferung für dich und dieses Universum überlebte, denn es prägte die Denkmuster dieses Teils seines Bewußtseins im Wissen um sein baldiges Ende dem ehemals menschlichen Gehirn Caldonja ein. Ich bin nunmehr Caldonja und ein Teil des Etlf zugleich!



Start in die Unendlichkeit


Das alles aber tat das Etlf gerade zu jenem Zeitpunkt, als Caldonja die wichtigste Entscheidung in der Schlacht fällen sollte - du verstehst, warum ich versagen mußte. Und jetzt wollen wir gehen und den Krieg gegen Zy-kloon gewinnen. Als Etlf bin ich noch immer für dieses Weltall verantwortlich."

Sie schwieg einen Moment, und es breitete sich eine Stille aus, die Srin Davor unheimlich aufs Gemüt schlug. Dann räusperte sich das Gehirn, mit Hilfe der Miriaden von Sound-Chips, die seinen glänzenden Körper wie Schwären einer unbekannten Krankheit bedeckten:

"Verantwortlich für dieses Weltall, wohlgemerkt - was in den anderen geschieht, geht mich überhaupt nichts an. Und dich schon gar nicht. Hast du das verstanden?"

War da nicht Zorn in ihrer Stimme? Und Trauer? Und vielleicht sogar ein wenig Angst?

Was wußten Menschen schon von der Psyche eines Etlf. Srin schauderte. Er war wie betäubt, aber er folgte den rituellen Bewegungen Samsons, und gemeinsam trugen sie den Tank, in dem Caldonja-Etlf wie ein wunderliches Meerestier schwebte, aus der Panzerkammer, durch die rauchenden Überreste Grnn-Ghaalors, hinaus ins Freie.

Dorthin, bereits das undurchdringliche Dunkel der Planetennacht herrschte, nur vom bleichen Schein eines riesenhaften und uralten Halbmondes müde erhellt. Über die Rollrampe trugen sie den schweren Tank an Bord der Algol. Dann holten sie die von ihr gezeugten Waffen aus der zerstörten Festung und starteten.

Um eine Schlacht zu gewinnen, um einen Planeten zu erobern und um einen Krieg zu beenden. Aber viel wichtiger war für Srin, daß er endlich sein unstillbares Bedürfnis befriedigen konnte.

Bleich schlich er sich von dannen, dorthin, wo die tief in sein Unbewußtes einkodierten metaphysischen Symbole an den stahlschimmernden Wänden der Algol ihm den Weg wiesen. Wohl noch nie war einem menschlichem Wesen solche Erleichterung angetan worden.


(Warnung: Viele Forts. folgen)






Anmerkung


* Treue Freunde unserer beliebten Serie "Srin Davor - Das unlöschbare Feuer" wissen natürlich, daß das Etlf ein fünfdimensionals, im Hyperraum meditierendes Lebewesen ist, das Srin Davor gewissermaßen zu seinem Hobby erkoren hat und immer wieder mit den merkwürdigsten - und unpassendsten - Einfällen in das ohnehin sehr komplizierte Leben unseres Helden eingreift (s. CD-ROM Nr. 10E711 : "Das Etlf schlägt zurück").

(Viele Forts. folgen)



Bibliographie

Upton, Munro R.: Das unlöschbare Feuer. Menden 1962 (Bewin) -
Ders.: "Das unlöschbare Feuer" (komprimierter Nachdruck). In: Pioneer Nr. 30. Passau 1994 (Erster Deutscher Fantasy-Club).


© 1960-2008 für den Romanauszug beim Autor Munro R. Upton jr.
© 2008/2007 für den Kommentar: Jürgen vom Scheidt
Quelle: www.hyperwriting.de