HARBOU, THEA VON (Kurz-Bio von H.J. Galle)

Sie schrieb nicht nur Drehbücher für Fritz Lang



Im Alter von neun Jahren verkauft Thea von Harbou (1888-1954) bereits ihre erste Geschichte an eine Dresdener Zeitung und präsentiert ihren Eltern voller Stolz den Scheck über fünfundzwanzig Mark. Aufgrund ihrer Intelligenz und schnellen Auffassungsgabe konnte sie bereits im Alter von dreizehn Jahren die Schule verlassen. Sie repräsentierte zu dieser Zeit exakt jenen Typus der Höheren Töchter wie er aus der damaligen Unterhaltungsliteratur bekannt ist. Thea beherrschte Englisch und Französisch, spielte Klavier sowie Geige und zeigte großes Interesse an Literatur und Theater.
Einer ihrer bekanntesten Erfolge war das Drehbuch zu dem utopischen Film "Metropolis".

 
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[2007-08-03 ok / ur 2004-04-23]


(Autor: Heinz J. Galle)


Inhalt dieses Beitrags
1. Mit 16 der erste Roman
2. Ihr Vater war ein ehemaliger Offizier
3. Gegen elterlichen Widerstand Ausbildung als Schauspielerin
4. Märchen, Legenden und Romane
5. Scheidung - und erste Kontakte zur Filmbranche
6. Die Bücher zu den Filmen
6.1 "Metropolis"
6.2 "Die Frau im Mond"
6.3 "Das Testament des Dr. Mabuse"
7. Drehbücher zwischen Sprache und Bild
8. Der erste Monumentalfilm der Science fiction
_Bibliographie



1. Mit 16 der erste Roman


Während eines Urlaubsaufenthaltes am Gardasee schrieb die Sechzehnjährige ihren ersten Roman. Er wurde 1905 in der Deutschen Roman-Zeitung unter dem Titel Wenn`s morgen wird veröffentlicht und erreichte bis 1917 acht Auflagen.

Später schrieb sie zunächst Fortsetzungsromane für den Illustriertenmarkt.
Bei der May-Filmgesellschaft lernte sie 1918 Fritz Lang kennen. Thea war zu dieser Zeit dreißig Jahre alt, sah aus wie ein Filmstar und war eine berühmte und erfolgreiche Schriftstellerin. Sie schrieb für Langs (1920 gedrehten) Film Das wandernde Bild das Drehbuch - von da an kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Fritz Lang und Thea von Harbou waren auch verantwortlich für den Prototyp jener schwermütigen Filme mit Balladen-Charakter,der als Der müde Tod im Oktober 1921 in die Kinos kam. Thea hatte das Drehbuch als eine Art Zeitreise konzipiert. Dem Paar Lang/Harbou gelang in diesem Film eine ideale Verbindung von Literatur, Malerei und Schauspielkunst. Der müde Tod wurde in Frankreich gefeiert. Man schrieb: Aus diesem Film spricht uns das Deutschland an, das wir lieben; die Welt Albrecht Dürers und Matthias Grünewalds!

Thea stand in den zwanziger Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Produktivität, sie schrieb zwischen 1920 - 1925 vier Romane und siebzehn Drehbücher und wurde in jenen Jahren zur bestbezahlten Drehbuchautorin Deutschlands. Gegen Ende jener Phase erhielt sie fünfundzwanzigtausend Reichsmark pro Drehbuch.

Am 26. August 1922 heiratete sie in Berlin Fritz Lang, beide legalisierten damit eine zweijährige enge Zusammenarbeit. Das Ehepaar Lang wurde in Berlin zum Mittelpunkt der High Society: Wenn der monokeltragende Regisseur und seine blonde Schönheit den Ballsaal des Hotel Adlon betraten, richteten sich alle Augen auf sie.



2. Ihr Vater war ein ehemaliger Offizier


Am 27. Dezember des Jahres 1888 wurde Thea Gabriele Harbou im oberfränkischen Tauberlitz, nahe Hof in Bayern geboren. Ihr Vater Theodor Harbou, ein ehemaliger Offizier, versuchte sich nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst ohne großen Erfolg als Forst- und Gutsverwalter. Die Harbous, ein altes Adelsgeschlecht, repräsentierten das typische Beispiel des sogenannten verarmten Adels. Theodors Ehefrau Constance Clothilde hatte ihrem Mann bereits neun Jahre vorher den ersehnten Sohn geschenkt, der Horst getauft wurde. Finanzielle Probleme zwangen die Familie zu diversen Umzügen. Im oberfränkischen Tauberlitz erwarben sie schließlich ein Rittergut, aber auch dort waren sie nicht lange wohnhaft und mußten erneut ihren Wohnsitz wechseln. Sie zogen nach Vogelsang in der sächsischen Schweiz, schließlich nach Niederlößnitz in der Nähe Dresdens.

In Dresden ging Thea auf das Luisenstift, allerdings nur unwillig, da sie die Schule haßte. Sie wird als scheues Kind beschrieben; das introvertierte Mädchen zeigt schon sehr früh eine Neigung zur Schriftstellerei. Im Alter von neun Jahren verkauft sie bereits ihre erste Geschichte an eine Dresdener Zeitung und präsentiert ihren Eltern voller Stolz den Scheck über fünfundzwanzig Mark.

An ihrem dreizehnten Geburtstag überraschte man sie mit dem ersten Werk aus ihrer Feder. Die Eltern hatten ihre Gedichte als Privatdruck unter dem Titel Wenn`s morgen wird binden lassen.

Aufgrund ihrer Intelligenz und schnellen Auffassungsgabe konnte sie bereits im Alter von dreizehn Jahren die Schule verlassen. Sie repräsentierte zu dieser Zeit exakt jenen Typus der Höheren Töchter, wie er aus der damaligen Unterhaltungsliteratur bekannt ist. Thea beherrschte Englisch und Französisch, spielte Klavier sowie Geige und zeigte großes Interesse an Literatur und Theater.

Während eines Urlaubsaufenthaltes am Gardasee schrieb die Sechzehnjährige ihren ersten Roman. Er wurde 1905 in der Deutschen Roman-Zeitung unter dem Titel Wenn`s morgen wird veröffentlicht und erreichte bis 1917 acht Auflagen.
Das junge Mädchen hatte dann das Glück, eine Reise nach Ostafrika mitmachen zu dürfen. Sie kehrte tiefbeeindruckt zurück und verkündete, daß sie als Krankenschwester nach Afrika zurückkehren würde.



3. Gegen elterlichen Widerstand Ausbildung als Schauspielerin


Dann siegte jedoch ihre Präferenz für die Bühne und sie begann, gegen elterlichen Widerstand, eine Ausbildung als Schauspielerin. Die Achtzehnjährige debütierte 1906 am Düsseldorfer Schauspielhaus und bekam danach, durch Beziehungen ein Engagement am Weimarer Hoftheater. Die Hofschauspielerin Thea von Harbou spielte dort zwei Jahre lang auf der Bühne die klassische Naive. Doch bereits zu dieser Zeit ist sie in Kürschners Deutscher Literatur-Kalender als Autorin vertreten, in der Ausgabe von 1911 steht: "Frl. Thea von Harbou, Hofschauspielerin, wohnhaft Weimar, Buchfarterstr.17 pt. - Gedichte, märchenhafte Dichtungen".

Zwischen 1911 und 1913 war sie am Chemnitzer Theater verpflichtet. Als der Tod ihres Vaters 1913 die finanziellen Sorgen ihrer Mutter verstärkten, nahm sie, um ihre Mutter zu unterstützen, einen höher dotierten Vertrag am Aachener Stadttheater an. Unter der Regie von Rudolf Klein-Rogge trat sie dort in Stücken von Shakespeare, Molière, Kleist und anderen Klassikern auf.

In ihrer Freizeit betätigte sie sich weiter schriftstellerisch. Die 1909 erschienene märchenhafte Dichtung Ein Sommernachtstraum wurde von ihrem Bruder Horst illustriert. Das 1913 bei Cotta verlegte Buch Von Engeln und Teufeln war mit zehn phantasievollen Zeichnungen W. Hahmanns versehen worden. Sie legte schon damals viel Wert auf eine kongeniale Ausstattung ihrer Werke.

Fotos aus jenen Tagen zeigen sie als Prototyp des blonden Gretchens. Dazu paßt ihre Weltanschauung - sie war ganz im Sinne einer deutschnationalen Betrachtungsweise des Weltgeschehens erzogen worden.

Als der I. Weltkrieg ausbricht, muß das Aachener Stadttheater im März 1914 die Aufführungen einstellen. Dem mittlerweile befreundeten Paar Klein-Rogge und Harbou wurde damit die Existenzgrundlage entzogen, was sie aber nicht daran hinderte, noch im gleichen Jahr, am 28. August die Ehe miteinander einzugehen. Die junge Frau mußte nun ihren Mann und die Harbou-Familie mit ihrer Schreibmaschine ernähren. Im Jahre 1915, ihr Mann hatte inzwischen ein Engagement am Nürnberger Stadttheater erlangt, gelang es ihr drei Manuskripte bei Stuttgarter Verlagen zu platzieren. Bei Cotta erschien mit Die Masken des Todes, Untertitel Sieben Geschichten in einer ihr wichtigster Beitrag zum Genre der phantastischen Literatur. Der Untertitel weist bereits auf die dabei gewählte Erzählstruktur hin. Es handelt sich um jenes uralte Konzept des Geschichten-Erzählens. Hier sind es sieben Männer, die sich während eines Spazierganges Geschichten von Gespenstern, Wahnsinnigen und dem leibhaftigen Erscheinen des Todes erzählen. Besonders beeindruckend: Das Notizbuch, in der von einer fatalen Begegnung eines Geschäftsmannes mit Dr. Thanatos berichtet wird. Aus dem ihr gutbekannten Milieu stammte die Erzählung Der Schatten, in der ein Schauspieler in den Wahnsinn getrieben wird.



4. Märchen, Legenden und Romane


Thea veröffentlicht in rascher Folge Märchen, Legenden und Romane, sie macht sich einen Namen als Verfasserin erfolgreicher Fortsetzungs-Romane. In der Berliner Illustrierten erscheinen die meisten ihrer Werke im Vorabdruck, danach kommen sie im lukrativen Sortimentshandel heraus.

Die während des Krieges in Nürnberg wohnende Autorin ordnete sich, ungeachtet ihrer Erfolge, ganz ihrem Ehemann unter. Verträge unterschrieb sie mit Thea Klein-Rogge. Der Redaktion des Kürschners Literaturlexikon teilte sie 1917 mit, daß der Name Thea von Harbou nun lediglich ihr Pseudonym sei.

Trotz ihrer literarischen Erfolge hatte das Ehepaar Klein-Rogge in den Kriegsjahren ständig mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Thea unterstützte Verwandte ihres Mannes, finanzierte den Unterhalt von Mutter und Großmutter und war noch dazu freigiebig gegenüber Freunden und Bekannten. Ihre Kusine erzählte später, daß Thea ein Honorar von zweitausend Mark innerhalb von zwei Tagen ausgegeben hatte. Um aus diesem Problemkreis herauszukommen, schloß sie 1917 einen Vertrag mit Ullstein in Berlin ab. Der Verlag hatte 1912 damit begonnen, eine taschenbuchähnliche Reihe - Ullstein Bücher (Sammlung zeitgenössischer Romane) auf den Markt zu bringen.

Es handelte sich um einen der ersten Versuche in Deutschland, Bücher als Massenproduktion zu plazieren. Für die Reihe wurde massiv geworben, der Verlag legte daher auch großen Wert auf eine ansprechende Covergestaltung. Im Rahmen dieser Ullstein Bücher erschienen Manuskripte fast aller damaliger Erfolgsautoren - Thea war hier mit zwei exotischen Abenteuerromanen (Der belagerte Tempel und Das indische Grabmal) vertreten. Die Handlung des Belagerten Tempels spielte allerdings größtenteils in Berlin, wo zwei Schauspieler, die durch die Schließung ihres Theaters arbeitslos geworden sind, versuchen einen Filmvertrag zu bekommen. Unschwer ist hier das eigentliche Schicksal des Ehepaares Klein-Rogge zu erkennen. Thea hatte sich Ende 1914 mit ihrem Mann mehrere Monate lang in Berlin aufgehalten und versuchte an der Kinobörse die Aufmerksamkeit eines Regisseurs auf sich zu lenken.

Ihre Verbindung zum Ullstein Verlag brachte es mit sich, daß sie oft von Nürnberg nach Berlin reisen mußte. Daher zog das Ehepaar Klein-Rogge gegen Ende des Krieges nach Berlin um. Ihr Mann bekam ein Engagement am Lessing-Theater und sie schrieb weiter Fortsetzungsromane für den Illustriertenmarkt.
Rudolf Klein-Rogge war in Nürnberg ein Star gewesen - in Berlin war er nun nur noch ein Schauspieler unter vielen. Er verdiente ungefähr zehntausend Mark im Jahr, seine Ehefrau das Zehnfache.



5. Scheidung - und erste Kontakte zur Filmbranche


Die Ehe hielt dieser Belastung nicht stand. Rudolf und Thea ließen sich scheiden, gingen aber als Freunde auseinander. Sie unterstützte auch danach ihren Ex-Ehemann weiter und sorgte später dafür, daß in den Drehbüchern die sie schrieb, stets eine Rolle für Rudolf enthalten war.

Nach dem Ende des Krieges hatte Thea erste Kontakte zum Film geknüpft. Im Dezember 1919 war bei Ullstein ihr Buch Legenden erschienen. Eine dieser Legenden wollte die May-Filmgesellschaft auf die Leinwand bringen. Thea erschien bei Joe May und beschwerte sich, daß sie erst aus der Zeitung von diesem Vorhaben erfahren habe. Sie verließ das Büro mit dem Auftrag, ein Drehbuch dafür zu schreiben.

Das Honorar betrug zweitausend Mark, was ihr klarmachte, daß das Schreiben von Drehbüchern viel lukrativer war als das Verfassen von Romanen. Da sie stets in finanziellen Schwierigkeiten steckte, kam ihr diese neue Verdienstmöglichkeit wie gerufen. Das Jahr 1919 sollte einen Einschnitt in ihrem Leben darstellen: Im Film fand sie die für sie geeignete, ideale Ausdrucksmöglichkeit. Thea schrieb und dachte bühnengerecht, ihre ursprüngliche achtjährige Theaterkarriere hatte sie für diese Aufgabe prädestiniert. Ihre Romane waren im Prinzip schon wie Drehbücher aufgebaut und ließen sich daher leicht verfilmen.

Sie schrieb von nun an Drehbuch auf Drehbuch für das aufstrebende neue Medium Film. Das Grundthema ihrer damaligen Drehbücher waren Balladen, Legenden und Sagen aus Deutschlands Vergangenheit. Dieses Faible für jene Stoffe schlug sich immer wieder in ihren Romanen und Drehbüchern nieder. Die deutschen Leser entwickelten in den Jahren nach dem Kriege eine starke Präferenz für alten Balladen und Legenden, jenen Geschichten die von einstiger Größe kündeten. Diese Hinwendung zu imaginären, unwirklichen Welten wurden im Ausland damals als "typisch deutsch" bezeichnet.

Bei der May-Filmgesellschaft hatte sie schon 1918 Fritz Lang kennengelernt. Thea war zu dieser Zeit dreißig Jahre alt, sah aus wie ein Filmstar und war eine berühmte und erfolgreiche Schriftstellerin. Sie schrieb für Langs (1920 gedrehten) Film Das wandernde Bild das Drehbuch, und von da an kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Fritz Lang und Thea von Harbou waren auch verantwortlich für den Prototyp jener schwermütigen Filme mit Balladen-Charakter, der als. Der müde Tod im Oktober 1921 in die Kinos kam. Thea hatte das Drehbuch als eine Art Zeitreise konzipiert. Dem Paar Lang/Harbou gelang in diesem Film eine ideale Verbindung von Literatur, Malerei und Schauspielkunst. Der müde Tod wurde in Frankreich gefeiert, man schrieb: "Aus diesem Film spricht uns das Deutschland an, das wir lieben - die Welt Albrecht Dürers und Matthias Grünewalds.

Thea stand in den zwanziger Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Produktivität. Sie schrieb zwischen 1920-1925 vier Romane und siebzehn Drehbücher und wurde in jenen Jahren zur bestbezahlten Drehbuchautorin Deutschlands. Gegen Ende jener Phase erhielt sie fünfundzwanzigtausend Reichsmark pro Drehbuch!
Am 26. August 1922 heiratete sie in Berlin Fritz Lang. Beide legalisierten damit eine zweijährige enge Zusammenarbeit. (Muss man eine Zusammenarbeit legalisieren?)
Das Ehepaar Lang wurde in Berlin zum Mittelpunkt der High Society: Wenn der monokeltragende Regisseur und seine blonde Schönheit den Ballsaal des Hotel Adlon betraten, richteten sich alle Augen auf sie.

Ihre Wohnung im Berliner Grunewald am Hohenzollerndamm 52 glich einem Museum. Die Wände waren mit Bücherregalen versehen, überall hingen Bilder, Dämonenfiguren aus der Südsee, Waffen afrikanischer Krieger, Masken und Gobelins.



6. Die Bücher zu den Filmen


Das Buch zum Film, war schon damals ein erfolgreiches Verkaufsprodukt. Thea spezialisierte sich darauf und lieferte zu jedem Film das passende Buch.
Seit Beginn der Zwanziger Jahre arbeitete Sie an einem Projekt welches ihr sehr am Herzen lag: Die Nibelungensage sollte auf der Leinwand zum Leben erweckt werden. Sie las alle bekannten Versionen dieser Sage und veröffentliche schließlich 1923 im Münchner Drei Masken Verlag ihr Nibelungenbuch, das allerdings dramatisch anders konzipiert war, als das Drehbuch, welches sie zur gleichen Zeit in Angriff nahm. Im Jahre 1922 hatten die Dreharbeiten für den Zweiteiler Siegfrieds Tod/Kriemhilds Rache begonnen. Im Februar 1924 wurde der erste Teil in die Kinos gebracht, im September der zweite Teil. Mit dem Nibelungenfilm erreichte das Ehepaar Lang den Gipfelpunkt ihrer Arbeitsgemeinschaft. Der Film lief in allen Ländern der Erde, es war der große Vorteil der Stummfilme, daß sie so universal eingesetzt werden konnten. Die UFA verschaffte sich mit dem Film Weltruhm, die Nibelungen gelten noch heute als epochemachend.



6.1 "Metropolis"


Von Patriotismus und dem Bedürfnis nach großen Gesten, passend zum Film, geleitet, beging das Künstlerpaar Lang die Premiere des Nibelungenfilms aus besondere Weise. Am Tag der Uraufführung legten Sie am Grabe Friedrich des Großen in der Grabkammer der Potsdamer Garnisonskirche einen vergoldeten Lorbeerkranz mit schwarzer Schleife nieder. Die goldene Inschrift lautete: "Am Tage der Uraufführung des Nibelungenfilms 14.2.1924. In Treue Fritz Lang und Maria"
Als der Regisseur im Dezember 1924 aus Amerika zurückkehrte, war er von der Skyline New Yorks beeindruckt. Die Idee eines Filmes, der die technische und zivilisatorische Entwicklung Amerikas in die Zukunft verlegt, wurde geboren.

Thea begann mit Quellenstudium, las die einschlägigen Werke Farrères, Capeks, Wells, Villiers und Zulawskis. Das Ergebnis ihrer Studien erschien ab August 1926 bei Scherl unter dem Titel Metropolis als Fortsetzungsroman auf den Seiten des Illustrierten Blattes und noch im gleichen Jahr als Buch im gleichen Verlag. Ein Jahr später kam eine gekürzte Neuauflage mit acht Standfotos aus dem gleichnamigen Film in den Handel.

Die Verfilmung des Harbou`schen Drehbuches kostete die UFA fünf Millionen Mark und brachte die Gesellschaft an den Rand des Bankrotts. Für die Uraufführung hatte man den UFA-Pavillon am Nollendorfplatz mit einem Überzug aus pulverisiertem Silber versehen, das Kino damit quasi in eine silberne Schatulle verwandelt. Durch diese Aufmachung sollte das Filmtheater als Kino der Zukunft präsentiert werden.
Dreieinhalb Stunden dauerte die Vorführung, am folgenden Tag sprach ganz Berlin davon.

Theas "Buch zum Film" wurde in viele Sprachen übersetzt und erschien beispielsweise auch zum Start von Metropolis in Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es 1975 in den USA sogar noch eine Neuauflage.

Während Metropolis noch in den Kinos lief, arbeitete Thea bereits an einem neuen Projekt: es sollte der ultimative Spionagefilm werden. Sie schrieb wie immer Buch und Skript für Spione parallel - 1928 kamen Buch und Film gleichzeitig heraus. Wie üblich erschien der Text als Vorabdruck (gekürzt) in einer Illustrierten, diesmal auf den Seiten von Die Woche und danach bei Scherl in Buchform ausgestattet mit sechzehn Standfotos aus dem gleichnamigen Film.

Die Hauptrolle in dem Streifen spielte Gerda Maurus, eine Wiener Schauspielerin. Mit dem Auftritt dieser Schauspielerin im Leben des Ehepaares Lang endete die glückliche Zeit für Thea von Harbou. Ihr Mann begann eine Liason mit der jungen Schauspielerin; die Ehe der Langs wurde damit zu einer rein formellen Angelegenheit.
Nach außen hin vertrat man jedoch weiter das Bild einer vorbildlichen Gemeinschaft. Im 1928 erschienenen Buch Filmkünstler - wir über uns verkündet Fritz Lang: "In Thea von Harbou habe ich einen unschätzbaren Mitarbeiter und Kameraden gefunden, der mit tiefem Verständnis für mein Wollen mir die Manuskripte schafft, die die Grundlage meiner Arbeit bilden." Thea fügte noch lakonisch hinzu: "Ich bin die Frau von Fritz Lang - mehr brauche ich Ihnen hoffentlich nicht zu sagen."



6.2 "Die Frau im Mond"


Vom 31.10- 8.12.1928 lief in der Illustrierten Die Woche als Fortsetzungsroman Theas neuestes Werk, die Geschichte von der Frau im Mond. Eine polnische Zeitung beschuldigte sie danach, Jerzy Zulawskis Roman Auf silbernen Gefilden plagiiert zu haben - ein Vorwurf der nicht zu halten war.

Ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans kam der gleichnamige Film in die Kinos und wie immer gab es gleichzeitig dazu bei Scherl eine Buchfassung ausgestattet mit sepiagetönten Standfotos. Anläßlich der Uraufführung des Streifens am 15. Oktober 1929 im UFA-Palast am Zoo wurden hundert in Leder gebundene Exemplare dieses Buches an ausgesuchte Premierengäste als Erinnerungsgabe verteilt. Albert Einstein war einer dieser VIP`s.

Gerda Maurus hatte auch in Frau im Mond die Hauptrolle gespielt, das Erfolgsteam Lang/Harbou driftete weiter auseinander, Thea verblieb in der alten Wohnung im Grunewald, ihr Mann bezog eine andere Wohnung, die Scheidung wurde eingereicht.
In dieser Zeit begann der Einfluß der Nationalsozialisten immer stärker zu werden. Thea trat 1932 der NSDAP bei, nicht weil sie zu den Radikalen zählte, sondern weil sie in politischer Hinsicht naiv war.

Curt Riess schreibt in seinem Buch Das gabs nur einmal: "Sie ist eine seltsame Frau, kein schlechter Mensch, sie ist im Grunde genommen ein guter Kerl, immer bereit anderen zu helfen. Immer Willens, sich von anderen ausnutzen zu lassen. Sie ist nicht dumm, aber wenn es um Politik geht, dann sieht es in ihrem Kopf ganz wirr aus. Sie fällt auf alles herein, was Goebbels an Propaganda ausstreut."

Ihr Weltbild und Geschichtsverständnis prädestinierte sie geradezu für die Ideologie des Nationalsozialismus. Sie entwickelte sich zur strammen Parteigenossin. Ein Journalist, der 1933 im Ullstein-Pressehaus seinen Schreibtisch räumte, berichtete wie die UFA-Diva hereinrauschte und ihn erstaunt fragte: "Jetzt wollen Sie Deutschland verlassen, wo der Aufstieg beginnt?"

Sie lebte inzwischen mit einem indischen Studenten, einem begeisterten Ghandi-Anhänger, zusammen, was unter anderem auch dazu führte, daß sie die riesige Hakenkreuzfahne im Wohnzimmer gegen eine indische Fahne auswechselte.
Am 26. April 1933 wurde die Ehe der Langs geschieden, in Verbindung mit Fritz Lang wird immer wieder versucht, ihren Anteil an den Filmen des Ehepaares Lang zu beschneiden, sie als Hausmütterchen mit Strickstrumpf zu charakterisieren. Aber ganz im Gegensatz zu Lang, der sich bis zu seiner Abreise aus Deutschland jeglicher politischer Stellungnahme enthielt, war Thea eine engagierte Frau die vehement ihre Meinung vertrat und in der Öffentlichkeit das Wort ergriff und zu unbequemen Themen Stellung bezog. Ihr filmisches Plädoyer gegen die Abtreibung Das erste Recht des Kindes wurde von der NS-Prüfstelle 1933 verboten. Ihre erste Regiearbeit Elisabeth und der Narr, ein absolut unpolitischer Film über einen geistig zurückgebliebenen Dorfbewohner der aus Liebe tötet, wurde erst nach vielen Schnittauflagen freigegeben.



6.3 "Das Testament des Dr. Mabuse"


Im Sommer 1932 hatten die Dreharbeiten für den Film Das Testament des Dr. Mabuse begonnen, 1933 kurz vor der Uraufführung wurde er verboten. Fritz Lang emigrierte danach, Thea blieb in Deutschland und arbeitete weiter als Drehbuchautorin und Regisseurin.

Als der Krieg die Grenzen des Reiches erreichte, soll sie, laut Roman Brodman (Filmjournalist) in einer Panzerkettenfabrik freiwillig gearbeitet haben und die einrückende Rote Armee von ihrer Wohnung aus mit Handgranaten beworfen haben.
Mit dem Ende des II. Weltkrieges brach auf jeden Fall für Thea von Harbou eine Welt zusammen. Aufgrund der Luftangriffe war sie auch zweimal ausgebombt worden. Nach der Kapitulation wurde sie von den Engländern einige Monate lang interniert. Thea arbeitete danach als Trümmerfrau und säuberte Ziegelsteine für den Wiederaufbau. Danach verdiente sich ihren Lebensunterhalt in einer feinmechanischen Fabrik.

Gegen Ende der vierziger Jahre war sie jedoch schon wieder in den Filmstudios zu finden, sie synchronisierte und schrieb erneut Drehbücher.
Als 1954 im Berliner Delphi-Palast der Stummfilm Der müde Tod wieder aufgeführt wurde, sprach die 66-jährige Autorin die einleitenden Worte. Beim Verlassen des Theaters stürzte sie und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Wenige Tage später, am 2. Juli 1954 verschied Thea von Harbou an den Folgen dieses Sturzes. Sie starb hochverschuldet. Da ihr Bruder die Erbschaft nicht annahm, wurde ihr Nachlaß versteigert.

Arthur Maria Rabenalt, der bekannte Filmregisseur zieht das Resümee ihres Lebens:
"Thea war eine preußische Offizierstochter, die Filmgeschichte machte. Als Autorin war sie dem Episch-Romanhaften zugeneigt, von der Gesinnung her eher preußisch-konservativ."

Von 1905 - 1953 hatte Thea von Harbou publiziert, ihr Œuvre von ca. fünfunddreißig Titeln umfaßte das gesamte Spektrum der Unterhaltungsliteratur; enthielt märchenhafte Dichtungen, düstere Balladen und Legenden, Abenteuerromane, kriminelle sowie utopische Themen. Über ihre chauvinistischen Pamphlete, die sie während des I. Weltkrieges verfaßte, legen wir den Mantel christlicher Nächstenliebe. Ihre eigentliche Stärke lag jedoch in Bereich des Films. Friedrich von Zglinicki sagt in seinem Buch Der Weg des Films, daß sie zu den begabtesten Filmschriftstellerinnen gehörte und ihr Tod für den deutschen Film ein Verlust gewesen sei. Für UFA-Produzent Erich Pommer war sie die ideale Personifizierung der Verbindung von Film und Literatur.



7. Drehbücher zwischen Sprache und Bild


Ihre Drehbücher repräsentierten in idealer Weise die Klammer zwischen Sprache und Bild. Sie verfügte über die Begabung, eine romanhafte Handlung in die Bildersprache des Films umwandeln zu können. Von 1920 (Das Geschlecht des Todes) bis 1953 (Dein ist mein ganzes Herz) entstanden auf ihrer Schreibmaschine über sechzig Drehbücher. Darunter waren Stummfilmklassiker wie Das wandernde Bild, Der müde Tod, Das indische Grabmal, Dr. Mabus der Spieler, Der steinerne Reiter, Die Nibelungen, Zur Chronik von Grieshus, Faust, Metropolis, Spione und Tonfilme wie Die Frau im Mond, M, Das Testament des Dr. Mabuse oder beispielsweise Der Mann mit der Pranke mit Paul Wegener in der Hauptrolle.

Untrennbar mit ihrem Namen verbunden sind die Klassiker des utopischen Filmes -Metropolis, sowie Die Frau im Mond.

Ihre Kritiker haben versucht das Team Lang/Harbou in eine Version des Dr. Jekyll und Mr. Hyde umzuwandeln. Fritz Lang ist demnach zuständig für den Erfolg, Thea Drehbücher waren lediglich Stichwortgeber für den genialen Regisseur. Erwin Leiser bezeichnete sie als "Courths-Mahler der Zwanziger Jahre" und unterstellte, daß sie für die ideologischen Tendenzen in den Filmen Langs verantwortlich war. Dieses Urteil wurde von Fritz Lang nach 1945 nicht unterstützt.

Ihr Einfluß auf Fritz Lang ist heute nicht mehr eruierbar, die Anteile an den gemeinsam erdachten Filmen sind nicht auseinander zu dividieren.
Tatsache ist, daß ihre Buchfassungen der utopischen Filme nicht das Niveau erreichen, welches die auf ihre Drehbücher fußenden Filme erlangten. Wobei man im Auge behalten muß, daß sie auch während der Dreharbeiten ständig im Studio war und neue Einfälle beisteuerte.

Ihre Idee war es beispielsweise, die unterirdische Arbeiterstadt in Metropolis in einer Überschwemmung untergehen zu lassen. Fritz Lang nahm diese Anregung an und ließ danach die Komparsen vierzehn Tage im Wasser stehen.

Fritz Lang bekannte beispielsweise nach seiner Emigration zum Thema Innovationen: "Die Hauptthese des Metropolis-Films stammt von Thea".
Ihre Buchfassung des utopischen Stummfilmklassikers erschien 1926, ein Jahr vor der Uraufführung des Filmes; erst als Vorabdruck in einer Illustrierten, dann gebunden bei Scherl. Zum Start des Filmes brachte der gleiche Verlag eine illustrierte Ausgabe heraus. Und noch 1978 (Ullstein Verlag) sowie 1979 (Heyne) und 1984 (erneut Ullstein) wurde Thea von Harbous Buch zum Film wieder aufgelegt.
Sogar noch 1995 wurde an Metropolis erinnert, als die Deutsche Post eine Briefmarke mit dem Portrait des Roboters herausgab.

Thea von Harbous Entwurf jener negativen Utopie hat Filmgeschichte gemacht. Metropolis -die Zukunftstadt aus dem Jahre 2026 mit 60 Millionen Einwohner - wird vom Kapital beherrscht. Die Arbeiter schuften in unterirdischen Fabriken. Diese Einteilung in Ober- und Unterschicht erinnert unwillkürlich an H. G. Wells noch radikalere Trennung der Eloi und Morlocks in seinem Roman The Time Machine (1895). Die deutsche Übersetzung erschien 1904, es ist durchaus möglich, daß Thea von Harbou daraus Anregungen schöpfte.



8. Der erste Monumentalfilm der Science fiction


In ihrem Metropolis-Roman predigt die Arbeiterführerin Maria Gewaltlosigkeit. Maria lautete auch Theas Kosename. Diese Maria steht auf dem Höhepunkt der Handlung einem Duplikat ihrer selbst gegenüber. Dem Wissenschaftler Rotwang ist es gelungen, eine stählerne Maria zu erschaffen, einen Roboter der ihr Äußeres aufweist. Mit dem Slogan "Tod den Maschinen" löst dieser Agent provocateur die Revolution aus. In diesem Aufstand droht die Zukunftsstadt unterzugehen. Erst im letzten Augenblick gelingt es den Untergang aufzuhalten. Das Buch schließt mit einer optimistischen Verbrüderung der verfeindeten Klassen.

Metropolis war der erste Science fiction-Monumentalfilm; er gehört zu den wenigen Klassikern die in deutschen Studios entstanden und weltberühmt wurden. Metropolis begründete in Deutschland quasi ein neues Filmgenre - die Science fiction.

Wie so üblich, gilt der Prophet nichts im eigenen Land. Im Ausland feiert man noch heute diesen Geniestreich des Künstlerehepaares Lang/Harbou. M. Martin und M. Porter schreiben 1997 in ihrem Video Movie Guide: "Using some of the most innovative camera work in film of any time, it is also an uncannily accurate projection of futuristic society. It`s a silent-screen triumph".

Steven H. Scheuer äußert sich in seinem Bantam Book Movies on TV and Videocassette: "Stylistically brilliant tale of a futuristic society. A silent classic."

Ed Naha stellt in seinem 1980 erschienenen Buch The Science Fictionary fest: "Metropolis stands as a visual landmark in screen SF."

Mit diesem Erfolg konnte natürlich Frau im Mond nicht Schritt halten. Theas Romanversion war wie üblich ein Jahr vor dem Film als Vorabdruck in einer Illustrierten gelaufen. Zum Start des gleichnamigen Films erschien Frau im Mond als Buch, ausgestattet mit Filmfotos. Noch im gleichen Jahr gab der Scherl Verlag eine Art Taschenbuchausgabe des Titels heraus (Scherls Zwei Mark-Roman Bd.20). Als Heyne Science Fiction & Fantasy (Band 4676) veröffentlichte, kam ihr Buch schließlich noch einmal 1989 in den Handel.

Die Frau im Mond ist eine mit Kolportage-Elementen angereicherte Science fiction-Story. Es geht um Gold und Reste versunkener Kulturen die ein Mad Scientist auf dem Mond anzutreffen hofft. Es gibt den unvermeidlichen Schurken, der von der Konkurrenz ins Team geschmuggelt wird, der Blinde Passagier darf natürlich auch nicht fehlen. Der melodramatische Schluß auf dem Mond läßt das liebende Paar in der sandigen Einöde allein zurückbleiben. Thea hatte sich diesen Schluß ausgedacht und spontan eingeführt.

Die zeitgenössische Kritik bezeichnete Buch und Film-Manuskript als billige Kolportage und Illustriertenkitsch.

Dieser literarische Vorwurf der Autorin ist jedoch nicht das Primäre. Bemerkenswert ist, was das Team Lang/Harbou auf der Leinwand daraus machte: Es wurde ein kosmisches Unternehmen inszeniert, welches mit einer erstaunlich glaubwürdigen Vorstellungskraft aufwarten konnte. Vierzig Jahre vor dem ersten Raumflug wurde in Babelsberg der Start eines Raumschiffes in einer zwanzigminütigen, fast dokumentarischen Sequenz vorweggenommen. Die in Frau im Mond enthaltene technische Phantasie und wissenschaftliche Antizipation macht diesen Streifen zum Klassiker des SF-Filmes. Experten wie Hermann Ganswindt, Hermann Oberth und Willy Ley wurden damals für die erforderliche wissenschaftliche Authentizität engagiert.

Thea von Harbous literarisches Werk wird der Vergessenheit anheimfallen - einige Filme jedoch, zu denen sie die Drehbücher schrieb, die sie mit gestaltete, werden nicht vergessen werden.

In der Literaturkritik schwankt ihr Bild wie Schilfrohr im Wind.

Sie bleibt in Erinnerung als die blonde Heroine der Stummfilmära: eine Frau mit starker Willenskraft und außerordentlicher Phantasie; eine Frau, die wußte was ihr
Publikum lesen wollte.


Bibliographie
(in Arbeit)


© 2007/2004 für diesen Text: Heinz Jürgen Galle / Quelle: www.hyperwriting.de