Andreas Eschbach: "Der Letzte seiner Art"

Was Implantaten aus Mensch machen könnten



Man könnte Menschen mittels künstlicher Organe, Nervengewebe, Knochen und Muskeln nicht nur "reparieren", sondern auch kräftig aufrüsten. Eschbach nimmt dies sehr wörtlich und entwirft ein Szenario künftiger Krieger, das einen das Fürchten lehrt. Und es ist keineswegs eine weit entfernte Zukunft, die er da vorstellt und zum Gruseln detailliert ausmalt - sondern mögliche (wenn auch bislang geheime) Gegenwart.

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[2007-08-18 ok / ur 2004-05-22]


(Rezensent: Jürgen vom Scheidt)


* * * * * Fünf Punkte
(von sechs möglichen) auf meiner persönlichen Bewertungsskala.



Duane Fitzgerald ist nach außen hin ein Frührentner aus den USA, der sich um die Jahrtausendwende in ein irisches Dorf am Meer zurückgezogen hat, in die Heimat seiner Vorfahren.

Duane Fitzgerald ist aber auch (was niemand in dem Dorf auch nur ahnt) ein Cyborg - ein Mensch, der mit Hilfe von Implantaten und Prothesen zu einem cybernetisch-organischen Mischwesen aufgerüstet worden ist: der fleischgewordene "Prothesengott" (wie Sigmund Freud dies 1930 vorausschauend genannt hat).

Solche Implantate sind nichts Neues: jeder Zahnersatz, jeder künstliche Unterschenkel, jeder Hüftknochen aus Titanstahl, jeder Herzschrittmacher, ja sogar jede Brille und jedes Hörgerät gehören bereits in diese Kategorie. Aber die Wissenschaftler und Ingenieure haben schon ganz anderes im Visier (und vielleicht längst durchgeführt, wie Eschbach andeutet): enorm verstärkte Knochen, Sehnen, Muskeln und sogar verbesserte Sinnesorgane, schmerzunterdrückende Medikament-Depots im Körperinneren, Anschlüsse vom Gehirn direkt an Computer und noch manches mehr.

Dieser Cyborg, den der Autor mit geradezu Grauen erregender Präzision und Konsequenz vorstellt, den er für den Leser gut nachvollziehbar denken und hautnah handeln lässt, ist aber nicht irgendein "neuer Mensch". Er ist von ganz besonderer Art: ein Soldat der (sehr nahen) Zukunft, ein Killer - eine tödliche Kampfmaschine, um es genau zu sagen.

Daß Andreas Eschbach daraus nicht ein weiteres technisch-utopisches Grusel-Spektakel gemacht hat (die erste Cyborg-Geschichte dieser Art dürfte William Tenns "Down among the Dead Men" von 1954 gewesen sein), zeigt ein weiteres Mal sein schriftstellerisches Können, das er u.a. in diesen Romanen hinlänglich bewiesen hat:

Eine Billion Dollar
Der Nobelpreis
Ausgebrannt
Das Jesus-Video,
Exponentialdrift


Wie der Titel bereits andeutet, ist dieser Cyborg Duane Fitzgerald "Der Letzte seiner Art" - ein Auslaufmodell gewissermassen. Dies wird ihm selbst - buchstäblich - schmerzlich bewusst, als Teile seiner Implantate zu versagen beginnen. Die Geschichte wird dadurch komplizierter - und zugleich unglaublich spannend -, weil seine Erzeuger beim amerikanischen Militär diese Geheimwaffe endgültig aus dem Verkehr ziehen möchten. Sie haben nämlich längst bessere und monströsere Produkte auf dem Reissbrett. Hier wird das Buch zur eindringlichen Warnung vor den mad scientists und Militärstrategen einerseits - und andrerseits zur menschlichen Tragödie, die kaum jemanden kalt lassen dürfte.



Ein richtiger Held, der Seneca liest


Anfangs weigert man sich als Leser, sich mit so einer "künstlichen" Figur mit ihrer geradezu abstossenden Körperlichkeit zu identifizieren. Aber Eschbach versteht es meisterhaft, einen in die Geschichte und in die Existenz ihres Helden selbst hineinzuziehen. Er gestaltet letzeren bei aller Prothesenhaftigkeit so menschlich-bedauernswert, daß man sich rasch mit Duane Fitzgerald identifiziert. Er kämpft sich dann zwar als richtiger Held durch die immer atemberaubender werdende Handlung - aber er liest auch Seneca, den antiken römischen Philosophen, der für den Krieger zum geistigen Mentor bis zum bitteren (von Seneca einst selbst vorgelebten) Ende wird.
Eschbach geht bei alle dem von der Oberfläche des aktionsreichen Thrillers und SF-Romans (als die man das Buch natürlich auch lesen kann, wobei alle Lesererwartungen in dieser Richtung bestens bedient werden) immer wieder in die Tiefe einer weiter weisenden, zeitlosen Biographie. So erfahren wir (anders als in vielen anderen SF-Romanen), wie und warum Duane Fitzgerald sich zu so einem Monstrum umoperieren ließ und wie es seinen einstigen Gefährten bei diesem wahnwitzigen Projekt einer neuen Prätorianer-Garde erging. Last but not least entlarvt der Autor vor allem die Hybris und Unmenschlichkeit der Ingenieure und Aerzte, die sich bei ihren Vorbildern im Dritten Reich bestens bedient haben.

Fazit: Brilliant geschrieben, unglaublich spannend und lehrreich in der Art bester SF-Romane eines H.G. Wells und Aldous Huxley - aber zugleich sehr modern vgestaltet von jener ganz eigener Erzählweise, die zum Markenzeichen von Eschbach geworden ist: Sehr menschliche Protagonisten einer nahen Zukunft, die bereits Wirklichkeit sein könnte.


Bibliographie

Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. (1930). In: Ges.Werke Bd XIV. Frankfurt am Main 1964 (S. Fischer), S. 450 f.
Tenn, William: "Down among the Dead Men". In: Galaxy Science Fiction (Magazine) 1954

Das erwähnte Freud-Zitat lautet folgendermaßen:

"Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung aller - nein: der meisten - Märchenwünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt hat, in der er zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat [...] Er hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in seinen Göttern verkörperte [...] Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden. Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen, in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen."



© 2007 / 2004 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de