MANUSKRIPT-EINSENDUNGEN bei Verlagen*



Ein Buch schreiben ist eine Sache - es gut an die Leser zu bringen, eine völlig andere !

Der Autor muß sich gewissermaßen spalten: in einen Schreiber und einen Verkäufer.

(Bild: Ganeesha ist in Indien der Gott, der Glück bringt - und Geld / Foto: jvs)

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*in Bearbeitung

[2008-02-12 wip / ur 2007-11-27]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)



Diesen Beitrag führe ich zunächst mal als Blog (wird vielleicht Teil des SCHREIB-BLog)).






Autoren (angehende wie schon etablierte) schicken buchstäblich waschkörbeweise ihre Manuskripte an die deutschen Verlage.

Dieselben Verlage klagen immer wieder, daß sie händringend nach guten (besser noch: sehr guten, bestsellerträchtigen) Manuskripten suchen.

Wie geht das zusammen?

Beides trifft zu.

Aber schauen wir zunächst einmal die Situation an: Stimmt es tatsächlich, daß so viele Manuskripte eingeschickt werden - die nichts taugen?



Inhalt dieses Beitrags
Vorab: Eine vernichtende Bilanz
21. Dez 2007: Rowohlt bekommt jährlich ungefähr 3000 Unverlangte
26. Nov: C.H. Beck: Keine Chance für "unverlangte Manuskripte"
1. Okt 2007: Diogenes: 9000 unverlangte Manuskripte in drei Jahren - eines wird genommen
10. Juli 2001: Superpreis bei Versteigerung für einst abgelehnten "Ulysses" von Joyce
9. April 2001: Nymphenburger bekommt jährlich 1000 "Unverlangte"
_Bibliographie



Vorab: Eine vernichtende Bilanz


Die Bilanz ist in der Tat vernichtend, wenn man nur den materiellen Erfolg im Auge hat und seinen Erstling an einen Verlag schickt: Unter 1000 unverlangt eingesandten Manuskripten befinden sich "höchstens zwei, die veröffentlicht werden können." (Jessen, S. 18).

Mehrere Tausend Manuskripte pro Jahr erhalten manche großen Verlage ohne Aufforderung - und nur eines davon taugt angeblich etwas. Eine Sammlung von zurückgewiesenen Manuskripten, die später erstaunlcherweise doch erfolgreich waren, ist Andre Bernards Rotten Rejections (s.u. Bibliographie).




21. Dez 2007

Rowohlt bekommt jährlich ungefähr 3000 Unverlangte


Stephan Schnieder, fast blinder Jurist, tippte mühselig seinen Krimi Imke - der feine Unterschied zwischen Unfall und Überfall in seinen PC. In einem Interview in der Südd. Zeitung (Wiegand/Schnieder 2007) berichtet er, daß ihm 20 Verlage das Manuskript zurückschickten. Danach druckte er es auf eigene Kosten als BOOKS ON DEMAND im Selbstverlag und ging auf Lesereise- mit gutem Erfolg.

Einer der Verlage, der das MS ablehnte, war Rowohl, dessen zuständiger Lektor dem SZ-Reporter Wiegand mitteilte, dort kämen jedes Jahr ungefähr 3000 unverlangte Manuskripte an. Er lese zwei, drei Seiten und das Begleitschreiben - das genüge meistens, um eine Absage zu rechtfertigen. Unverlangt einegeschickte Werke hätten fast keine Chance in großen Verlagen. Mit Schnieders Imke ist Rowohlt da vielleicht ein Erfolg durch die Lappen gegangen - der Reporter bezeichnet das Buch jedendalls als "spannender Krimi mit viel Lokalkolorit" - und solche Romane haben derzeit eine erstaunliche Konjunktur in Deutschland - s. Tannöd, den Bestseller von Andrea Schenkel, der gerade verfilmt wird.


26. Nov 2007

C.H. Beck: Keine Chance für "unverlangte Manuskripte"


Martin Hielscher ist Lektor des renommierten Münchner Verlags C.H. Beck. In der Süddeutschen Zeitung formuolierte er dieser Tage sechs typische Fragen an Verlagslektoren.Die nach den Chancen für unverlamngt eingesandte Manuskripte beantwortete er folgendermaßen:

Das „unverlangt eingesandte” Manuskript hat bekanntlich die geringsten Chancen, wahrgenommen zu werden. Die meisten dieser Manuskripte werden von ihren Autoren querbeet, ohne Ansehen des einzelnen Programms, ohne Kenntnis der Verlagsprofile herumgeschickt und passen – wenn sie überhaupt eine gewisse Qualität besitzen – meist nicht zu dem Programm, für das der Lektor zuständig ist. In gewissen Abständen wird der Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte von einem Mitarbeiter gesichtet und abgearbeitet, und sollte doch ein Manuskript hervorstechen, wird es weitergereicht. Hin und wieder werden auf diesem Wege Autoren entdeckt – die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering.
Es ist eher so, dass Lektoren ein Netzwerk von Kontakten aufbauen, zu Agenten, Autoren, anderen Leuten im Literaturbetrieb, zu Journalisten, Übersetzern, Kollegen in anderen Verlagen, zu Literaturwettbewerben fahren und seit einigen Jahren natürlich auch das verfolgen, was an neuer Literatur rund um Institutionen wie das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, Textwerk in München, das Studio für Literatur und Theater in Tübingen, die entsprechenden Studiengänge in Hildesheim und an der LMU in München und anderswo entsteht.
(Hielscher 2007, S. Seite 14



1. Okt 2007

Diogenes: 9000 unverlangte Manuskripte in drei Jahren - eines wird genommen


Daniel Kiel, erfolgreicher Verleger des Diogenes-Verlags in Zürich, gab in einem Interview mit dem Spiegel folgendes zum Besten:

KEEL: "Wir kriegen jeden Tag einen Stoß von unverlangten Manuskripten. Im Jahr etwa 3000."
SPIEGEL: "Wie oft wird davon etwas ins Programm genommen?"
KEEL: "Im Schnitt bleibt alle drei Jahre eins hängen. Eins von 9000 wird also gedruckt."
SPIEGEL: "Aber tatsächlich sind bei denen auch große Erfolgsautoren dabei."
KEEL: "Ja. Zum Beispiel Ingrid Noll und Erich Hackl. Per Post. Unverlangt."
SPIEGEL: "Der Bestsellerautor Bernhard Schlink hat Ihnen ein Krimi-Mansukript mit einem Brief in den Verlag geschickt?"
KEEL: "So war es. Es folgten weitere Krimis und der Roman ´Der Vorleser´, ein Welterfolg: Zum ersten Mal war ein deutschsprachiges Buch auf dem ersten Platz der Bestsellerliste der ´New York Times´."



10. Juli 2001

Superpreis bei Versteigerung für einst abgelehnten "Ulysses" von Joyce


Ein Manuskript-Kapitel des Ulysses (drittletzte Episode: "Eumaios") wurde am 10. Juli 2001 in London versteigert: für 861.250 brit. Pfund (umgerechnet 2,7 Millionen Mark). Wenn man bedenkt, daß Joyce, der Hungerleider, in Triest und Zürich in ärmlichsten Verhältnissen gelebt hat, begreift man erst, wie schändlich schlecht wirklich kreative geistige Arbeit honoriert wird!

Sie finden dieses Beispiel und viele weitere hier auf der Website unter dem Titel HALLE DES SPÄTEN RUHMS)




9. April 2001

Nymphenburger bekommt jährlich 1000 "Unverlangte"


Sprach eben mit Frau Jaenicke, Lektorin bei der Nymphenburger Verlagshandlung, über mein Projekt der "Bücher-Werkstatt" (ab 2006: ROMAN-WERKSTATT. Sie sagte, sie bekäme pro Jahr rund 1000 unverlangte Manuskripte auf den Tisch.
Sie konnte gar nicht verstehen, daß man ein Buch zunächst einmal schreiben kann, um sich über etwas - oder sich selbst - klarer zu werden - ohne gleich die Absicht einer Veröffentlichung zu haben.



Bibliographie

Hielscher, Martin: "Im Maschinenraum der Literatur (Sechs Fragen an Lektoren". In: Südd. Zeitung vom Samstag, 26. November 2007
Jessen, Joachim, Martin Meyer-Maluck, Bastian Schlück und Thomas Schlück: Traumberuf Autor. Landsberg 2002 (mvg)
Keel, Daniel: Daniel Keel (Verleger von Diogenes): "Mein Traum: Stepptanzen". In: DER SPIEGEL Nr. 40 vom 1. Okt 2007, S. 186
Schnieder, Stephan: Imke - der feine Unterschied zwischen Unfall und Überfall. Buxtehude 2007 (im Selbstverlag)
Wiegand (Interview mit St. Schnieder): "Zehn Finger blind". In: Südd. Zeitung vom 21. Dez 2007


© 2008 / 2007 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de